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Sonntag, 10. September 2017

75 Tschüss oder so

Nun ist es also so weit: 
Ich bin eine Halbwaise.

Ja, tatsächlich: Der grösste Albtraum, der einen schon seit der Kindheit heimsucht, wird eines Tages Realität. 
Eltern sterben. Naturgemäss vor ihren Kindern.
Und deshalb kommt kaum einer drum herum. Auch ich nicht, leider.

Natürlich hab ich mir gewünscht, dass mir das erst passiert, wenn ich selber sehr, SEEEHR alt bin. Aber hey, wen da draussen interessieren die eigenen Wünsche, oder?
Auch hab ich immer gedacht, wenn das erste Elternteil stirbt, dann bleibt die Welt stehen. Dann geht die Sonne nicht mehr auf. Dann halten alle da draussen den Atem an.
Aber auch das traf nicht ein. Das Leben geht weiter. Unerbittlich. 
Und man funktioniert, tatsächlich. Ich hätte das nicht geglaubt, aber es ist so. Man macht einfach weiter.

Der Tod ist ein Arschloch. Nicht unbedingt immer für denjenigen, der stirbt. Aber sehr oft für die Hinterbliebenen. Weil sich für die alles ändert.
Und da macht es nicht wirklich einen Unterschied, ob man sich jetzt mit dem Toten zu Lebzeiten besonders gut verstanden hat oder nicht. Die Welt ist in jedem Fall nicht mehr so wie vorher und wird es nie mehr sein. Und der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wer kann schon einfach so mühelos loslassen? Ich jedenfalls nicht. Ergo ist dieser Gedanke, dass eine Ära jetzt für immer vorbei ist, ziemlich beschissen.


Noch beschissener ist, dass die Gesellschaft einem ja irgendwie vorschreibt, wie man zu trauern hat und wie nicht. 

Ob ich mich habe verabschieden können. 
Nicht wirklich. Der Tod war schneller als ich. Und hatte sich angeschlichen. Aber auch, wenn er sich langsam angekündigt hätte: Was hätte ich denn sagen sollen? Irgendwelche magischen letzten Worte, die man nur einem Sterbenden sagen kann, einem in der Blüte seines Lebens aber nicht? Oder einfach "Tschüss!"? Hätte mir oder dem Sterbenden das irgendwie was gebracht? Soll ich wirklich auf eine tote Hülle hinunterschauen und daraus Trost schöpfen?
Kann jeder machen wie er will. Aber dieser Anblick sollte nicht der letzte in meiner Erinnerung sein. Und das macht mich jetzt nicht zu einem lieblosen Arschloch, glaube ich.

Ob ich denn auch mal weinen würde.
Klar, stellt euch vor. Oft sogar. 
Aber tut mir leid, breche ich nicht überall öffentlich in Tränen aus, und möchte ich meine Situation  nicht wieder und wieder aufrollen, vor allen und jedem. Trauer ist persönlich und geht niemanden etwas an. Und auch, wenn ich nicht weinen würde: Es würde nicht bedeuten, dass ich ein liebloses Arschloch bin. 

Wieso kein Mausoleum mit einem Riesenmeer aus Blumen?
Vor allem, weil es nicht dem Wunsch des Toten entsprochen hätte. Und weil ich Trauer, Liebe und Würde nicht mit der Grösse eines Grabs zum Ausdruck bringe. Oder überhaupt mit einem Grab. Weil ich nicht will, dass irgend ein Fremder von der Kanzel herunter etwas über mein totes Elternteil erzählt, dabei hat er es kein einziges Mal getroffen. Weil ich Friedhöfe deprimierend finde und diese riesigen Flächen lieber als Spielplätze für Kinder oder Parkanlagen nutzen würde. 
Und auch das macht mich nicht zu einem lieblosen Arschloch, glaube ich. 

Fakt ist: Wir, die zurückbleiben, müssen mit dem Tod zurecht kommen. Und es ist die grosse Herausforderung, herauszufinden, wie das am besten geht. Da helfen weder Traditionen, noch festgefahrene Denkweisen noch Richtlinien der Stadt. Also, mir jedenfalls nicht.

Ich möchte hier nicht breittreten, wie ich zu meinem verstorbenen Elternteil stand. Was es für ein Leben hatte, was für eine Persönlichkeit, etc. Das ist mir zu intim, und ich überlasse diesen Einblick in die Privatsphäre all denjenigen, die auch gerne Ultraschallfotos ihrer ungeborenen Babys im Internet posten. Und mir dort weismachen wollen, wie wichtig und glücklich ihre Leben doch sind.
Toll, aber wenn man eben ein Leben ausserhalb der social media führt, so mit echten Menschen in der echten Welt, dann ist das nicht nur immer schön. Und das ist sogar ok, weil eben: Richtiges Leben. 
Eines der letzten SMS, das mir mein Elternteil vor seinem Tod schickte, war ein Zusammenschiss. Ich wollte die SMS eigentlich löschen, aber ich hatte damals schon eine Vorahnung. Was, wenn das die letzte Message überhaupt ist...? Ich sollte recht behalten. Und es ist nicht schlimm, haben wir uns in unserer letzten Unterhaltung nicht noch endlose Liebe geschworen. An der zweifle ich ja nicht, ich brauche sie nicht schriftlich. Und auch nicht auf Facebook.
Ich lese die SMS heute noch ab und zu und muss ein bisschen lachen. Sie widerspiegelt einfach das reale Leben. 

Zu dem gehört auch der Tod. 

Ja, ich weiss, das sagen alle. Und es tröstet nicht mal. Ich bin viel zu jung, um Halbwaise zu sein!
Eltern sterben, alle sterben, und man kann nichts dagegen tun. Das ist scheisse. Ich fühle mich scheisse. 
Aber wahrscheinlich irgendwann nicht mehr. Dafür sorgt schon das Leben. 

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