Mittwoch, 16. Juli 2014

7 Mein Ort der Freiheit im Kreis 4

Ich meine, ja, ich liebe Zürich und lebe unglaublich gerne hier. Ich liebe Kleider und Schuhe, meinen Lippenstift und die Wimperntusche, meine Haarprodukte und Hautcrèmes, wie es sich für eine richtige Züri-Tussi eben auch gehört. Geh ich aus dem Haus, dann mach ich was her. Züri-Style.
Aber diese Stadt kann auch brutal anstrengend sein. Dieses ganze Szene-Hipster-Zukki-Hugo-Letten-Ichmacheimfallkunst-Gehabe. Gar nicht so einfach, da mitzuhalten. Ich bin sicher, ich bin nicht die einzige, die regelmässig in Selbstzweifeln versinkt, so à la "Scheisse, ich gehör nicht recht dazu, denn Hugo find ich gruusig und Kunst kann ich nicht und meine Bikini-Figur ist schon lange her!" Und dann fühlt man sich so voll wie der letzte Assi.

Ein typisch zürcherisches Luxus-Problem. Aber nicht verzagen: dagegen gibt es ein Rezept, dass ich selbst ausprobiert und für gut befunden habe (ja, ok, ich hab's ja schliesslich auch selbst kreiert, aber egal): wenn ich mal keinen Bock habe, mich an irgendwelche Vorgaben anzupassen, wenn mir jegliche Hippie-Kacke wieder mal tierisch auf den Geist geht, dann begebe ich mich einfach an den einzigen szenefreien und ehrlichen Ort in dieser Stadt:

Den Coop an der Langstrasse.

Yeah, Baby!!
Nirgends kann man einfach so sich selbst sein wie zwischen Tiefkühlpizza, Frischgemüse und Wattestäbchen im Kreis 4! Denn dort herrscht neutraler Boden. Man muss sich niemandem anpassen, keine Angst haben, man könnte vielleicht aus der Reihe tanzen und sich in kein unbequemes Korsett zwängen. Der UBS-Banker in Anzug und Krawatte kauft im Coop genau so seine Schinken-Sandwich wie der versiffte Junkie sein Sixpack Budget-Bier, der bärtige Szenie sein Sushi und die Prostituierte in den Hotpants ihren Nastüechli-Vorrat. Friedlich stehen sie alle hintereinander in der Schlange vor der Kasse, keiner guckt den anderen komisch an - man guckt höchstens der Prostituierten mal unauffällig in den viel zu tiefen Ausschnitt.

Leben und leben lassen. Gott, das ist so befreiend!! 

Wenn also ausgerechnet an meinem freien Gammel-Tag Kühlschrank und WC-Papier-Rolle mal wieder leer sind, ich aber sooooooowas von zu faul bin um auf Züri-Tussi zu machen, dann weiss ich: Easy! Geh einfach in den Coop an der Langstrasse, musst dich dafür nicht mal anziehen, keine Sache!
Und so setz ich mich dann jeweils in meinen zu kurzen Trainerhosen, dem fleckigen Schlabber-Shirt und ohne Unterwäsche direkt vom Bett aufs Velo. Die Haare hängen mir in verfilzten Strähnen ins Gesicht, welches natürlich weder geschminkt noch gewaschen ist. Wenn es draussen regnet: scheissegal! Soll mir das Wasser doch überall runterlaufen, der nasse Velosattel auf meinem Hintern einen dunklen Fleck wie in die Hose gepisst hinterlassen - hey, ich geh in den Coop an der Langstrasse, so what??!!

Und tatsächlich: wenn ich dann so triefend und mit riesigen Augenringen und einer Frisur wie in die Steckdose gefasst und im Trainer und in meinen eleganten High Heels (das erste paar Schuhe, dass ich nach dem Aufstehen finden konnte) so noch im Halb-Koma in den Laden schlurfe, dann dreht sich niemand nach mir um und fragt sich: "Aus welcher Anstalt ist denn DIE ausgebrochen?". Weil er selber wahrscheinlich gerade noch beschissener aussieht. Oder weil es ihn einfach nicht interessiert. Weil der Coop keine Etikette fordert. Und das Beste am Ganzen: ich selber schäme mich auch nicht. Ich überlege mir keine einzige Sekunde, ob ich over- oder underdressed bin und was jetzt wohl die anderen Leute über mich denken und ob meine Trainerhosen mir einen fetten Arsch machen. Ich überlege mir das alles sonst noch oft, aber nicht im Coop an der Langstrasse. 

Ja, ich fühle mich dort sogar so frei, dass ich manchmal mein Velo nicht mal abschliesse. So sehr glaube ich vor dem Coop an das Gute, das Ursprüngliche im Menschen. Jupp, ich weiss: selber schuld! Es kam deshalb auch schon mal vor, dass mein Velo verschwunden war, als ich mit meiner vollbepackten Papiertasche aus dem Laden kam. Bis jetzt fand ich es aber noch immer wieder. Meist nur ein paar Meter entfernt und im Besitz irgendeines/r Randständigen, der/die mir dann mit Schlafzimmerblick und Alkoholzunge klar machte, dass sei ganz klar sein/ihr Velo, das habe er/sie schliesslich gefunden. Bis jetzt ist es mir zum Glück aber noch immer gelungen, der betreffenden Person beizubringen, dass dem ganz klar nicht nicht so sei. Meinen Einkauf zu Fuss nach Hause tragen musste ich somit noch nie.

Der Coop an der Langstrasse - ich liebe ihn! Wahrscheinlich könnte ich dort auch völlig nackt an die Kasse treten, und der Verkäufer würde mich nur wie sonst auch immer freundlich aber bestimmt darauf hinweisen, dass ich das Körbli doch bitte nicht direkt neben seinen Scanner stellen, sondern lieber auf dem schmalen Simsli davor balancieren soll. 
Herrlich!!
So sein wie man ist, einfach mal ein bisschen Assi, frei von allen Zwängen, das kann man in Zürich wohl wirklich nur in diesem Laden ungestraft. Ich jedenfalls komme jedes Mal besser gelaunt heraus als ich reingegangen bin. Denn bei jedem Einkauf wird mir wieder klar: Hey, du bist hier nicht der einzige Freak! Und vor allem nicht der schlimmste!
Bye bye, Selbsthass! Fuck you, Hippie-Kacke! In your face, Züri-Style!!
Kein anderer Ort in dieser Stadt schafft das bei mir sonst.

Ok, vielleicht noch der Denner an der Langstrasse.




Donnerstag, 3. Juli 2014

6 Irgendeinisch fingt ds Glück eim

Das singen Züri West, aber ich glaube, diese Weisheit stammt nicht von ihnen. Schon meine Grossmutter hat mir immer etwas ähnliches gesagt, damals, wenn sie mich, laut schluchzend an ihren Schoss gepresst, getröstet hat, weil ich mich mit einer Schulfreundin gestritten hatte oder so.  Und wer kennt sie nicht, die lässigen Standardsprüche wie "Du wirsch gseh, es chunnt alles guet, ich weiss es!" oder "Au für dich gaht emal irgendwo es Tüürli uuf!".
Ja, shame on me: auch ich habe das schon zu Leuten gesagt. Dabei kann ich gar nicht hellsehen. Und alle anderen auch nicht.
 
Aber was ist das denn überhaupt, das Glück? Und wie kommt man dazu?
 
Tja, ich weiss es nicht. Das einzige, was ich weiss, ist, ich bin ständig auf der Suche nach etwas Grösserem, Besserem. Dauernd quält mich dieser scheiss Gedanke, dass das doch unmöglich ALLES gewesen sein kann. Dieses Leben, das ich führe. Herrgott, da muss doch noch was anderes kommen!!
Ich bin eine Getriebene, ich kann nicht verharren im Hier und jetzt, ich muss ständig zu irgendwelchen neuen Ufern aufbrechen, und dann wieder zu anderen, und dann nochmals, und in jeder Ecke, unter jedem Stein wühle ich nach dem Sinn meiner Existenz. Wie ein gehetztes Tier eile ich durch die Welt, als sässe mir eine unsichtbare Gefahr im Nacken, und ich renne einfach in Panik immer weiter auf den Horizont zu, in der Hoffnung, dahinter sei etwas - ganz Tolles.
 
Nur eben: WAS DENN, ZUM HENKER NOCHMAL???!!!
Wie gut, dass wenigstens meine besten Freunde, die social media, dafür eine Antwort parat haben. Sie wissen ganz genau, was das Glück ist. Davon darf ich mich jeden Tag überzeugen, wenn ich den Computer aufstarte:
 
Glück ist zum Beispiel Essen.
Deshalb listen auf Facebook auch zahlreiche Gourmets tagtäglich jegliche Zutaten ihres Menus auf, natürlich zusammen mit einem Foto des vollen Tellers.
 
Glück ist Familie.
Oder weshalb sonst erhalten Schnappschüsse von Kind und Kegel (manchmal noch im Mutterbauch) die meisten likes, Herzchen und Kommentare wie "Soooo süüüüüssss!!!" und "Aaaaaaawww...!!"? Wer keinen Nachwuchs zu bieten hat, postet halt seine herzige Katze.
 
Glück sind Ferien. 
Blablabla checked in at Hilton Hotel New York on Foursquare, und dazu grad noch eine Weltkarte mit Pfeil und ein Selfie auf dem Times Square. Läck, der hat's gut, und ich hock hier im Büro! ARSCHLOCH!!
 
Glück ist Liebe.
Oder warum geben sonst alle ihren Beziehungsstatus im Online-Profil an? Im Profil-Fötteli ist der Partner oder die Partnerin dann meist auch noch grad mit drauf, weil Alleinsein ist ja eben scheisse. Individualität offenbar auch.
 
Glück ist Erfolg.
Wow, was ich doch für überaus kluge, toughe und sanierte Friends habe. Erstens hocken sie ja dauernd in den Ferien, da muss also schon mal Kohle vorhanden sein. Zweitens sind sie echt gefragt und beschäftigt, schliesslich verkünden sie ja jeden Tag "Auf dem Weg zur Arbeit", "Meeting time" oder "... ist stolz: erster Beitrag online!" Drittens können sämtliche Journalisten BR, Doktoren der Pädagogik und selbsternannten Kunstkritiker das Geschehen auf der Welt ihrem Fachgebiet entsprechend immer so treffend und vor allem unaufgefordert analysieren. Da vergisst man doch glatt, dass man auf Facebook oder Twitter ist und nicht im "Club" des Schweizer Fernsehens!
 
Glück ist die WM.
Wie da immer bei den Spielen mitgefiebert wird!! Und diese Selfies mit dem Schweizerkreuz auf der Backe, dem Tifosi-Shirt am Leib oder der Kolumbien-Flagge am Auto! Grossartig, wie man sich doch beim Fussball immer wieder auf seine Wurzeln besinnt und mit seinen "Landsleuten", die auf dem Rasen dem Ball hinterherrennen, mitfiebern kann! Und wie einen das auf wundersame Weise auch noch zu einem guten Menschen macht, weil einem doch plötzlich bewusst wird, dass es in diesem Brasilien unten ja nicht nur Sport gibt und neue Stadien, sondern auch ganz viele ganz arme Strassenkinder und bedrohte Fischarten im Amazonas. Und dann schickt man während dem Fussball-Kucken vor dem Fernseher einfach noch schnell ganz bequem ein paar Spenden-SMS an eine Hilfsorganisation  und fühlt sich super, weil man ja jetzt neben dem ganzen WM-Gedöns auch noch etwas wirklich Wohltätiges gemacht hat.
Also, wenn DAS nicht das Glück ist, dann weiss ich aber auch nicht!!!!
 
Dumm nur: da kann ich überall nicht mithalten.
Ich habe keine Kinder, keinen Mann in meinem Profilbild, nicht mal eine Katze, keine Essstörung (ämel keine, zu der ich öffentlich stehen würde), Fussball interessiert mich nicht und gespendet hab ich auch nicht.
Gut, Reisen immerhin, das tu ich doch regelmässig, da bin ich voll dabei, yeah! Ok, dann müsste ich also tatsächlich mega glücklich sein, sagt Facebook.
Hmmm...
Also...
Böh??
Aber wahrscheinlich bin ich ja dann auch nur glücklich, wenn ich eben gerade auf Reisen BIN, und das bin ich ja jetzt gerade nicht - nein,  ich hock zu Hause vor meinem verdammten Computer und tippe das hier ein. Und das kann doch VERDAMMT NOCHMAL einfach nicht alles gewesen sein, oder????!!!!
 
Warum also ist jeder um mich herum so unglaublich fucking GLÜCKLICH, nur ICH nicht???!!!
 
Ok, jetzt bloss nicht verzweifeln!
Social media alle wegklicken. So.
Ich darf wohl einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Und mich vor allem nicht verkrampfen. Nicht suchen, einfach alles geschehen lassen. Denn diese Sprüche können doch nicht von ungefähr kommen, das kann nicht alles bloss erfunden sein, Züri West und mein Grossmami müssen doch irgendwo den Beweis dafür gesehen haben (und es war totsicher nicht auf Facebook, Instagram oder Twitter): Irgendwann ist es einfach da. Irgendwann geht eine Türe auf. Dann ist alles gut.
 
Irgendeinisch fingt ds Glück eim
Irgendwenn weisch wär d' bisch
Irgendwenn weisch genau wo de häre ghörsch
 
WEHE, wenn nicht!!!!

Freitag, 27. Juni 2014

5 Wie smarte Katzen Generationen verbinden

Woran merkt man, dass seine Eltern alt sind? Daran, dass sie sich mit 70 plötzlich noch ein Smartphone kaufen wollen. Und dies, nachdem sie sich erst vor etwa 7 Jahren ein Nokia der ersten Generation zugelegt haben (und dieses seit da auch nie ausgewechselt wurde). Zum ersten Mal ein Smartphone in den Händen am Lebensabend, während heute die Kinder schon iphones zur Einschulung geschenkt kriegen - jupp, Eltern stammen tatsächlich aus einer ganz anderen Generation, aus einer, die näher bei den alten Römern zu liegen scheint als im 20. Jahrhundert. 

Also, MEINE Eltern jedenfalls. Meine MUTTER, muss ich präzisieren, mein Vater scheint sogar noch in der Steinzeit geboren zu sein, denn er hält jegliche Handys, smart oder nicht, für überflüssig. Meine Mutter aber hat sich jetzt nach langem Ringen und Bangen dazu entschlossen, auf ein Smartphone umzusteigen. Ich muss dabei zugeben: ich bin nicht ganz unschuldig an dieser Idee. Ich habe sie sozusagen sanft darauf gestossen, so mit Bemerkungen wie: "Hättest du ein Smartphone, hätte ich dir das Filmli auch schicken können!" und: "Ich kann dir nicht immer SMS aus dem Ausland schreiben, das ist sauteuer. Hättest du Whatsapp, könnten wir über wlan gratis chatten!"
Ok, Whatsapp, wlan, chatten - das sind Begriffe, mit der meine Mutter ohne Erklärung nicht viel anfangen kann. Nicht, weil sie dumm wäre. Sie hat einfach null Bezug zur modernen Informationstechnik. All ihre Freunde rufen sie noch ganz altmodisch an und schicken keine E-Mails. Niemand aus ihrem Umfeld (ausser ihre Kinder) sind auf Facebook. Sie hat in ihrem Beruf nie einen Computer gebraucht, und damals in der Schule hat sie ihre Vorträge noch mit Skizzen auf der Wandtafel gehalten und nicht via ipad.
Trotzdem bekommt sie natürlich mit, wie die halbe Bevölkerung um sie herum ständig auf ihren kleinen Bildschirmen rumhämmert, sich über Bilder und Videos freut und mal schnell im Bus noch das Protokoll des letzten Meetings verschickt. Und da war sie schon immer ein bisschen neidisch. Aber jahrelang meinte sie nur seufzend, sie hätte ja schon auch gerne dieses Whats-dings da, aber Internet auf einem Handy, das brauche sie jetzt doch wirklich nicht. Nach sehr viel Überzeugungsarbeit meinerseits konnte sie dann aber endlich doch noch akzeptieren, dass Internet ja eben genau der WITZ an einem Smartphone ist, und so gehen wir also in den Swisscom-Shop.

Zuerst ein neues Gerät aussuchen. Sie wolle kein teures, sie komme ja eh nicht draus, meint meine Mutter stirnrunzelnd vor der Auslage. Sie steht jeweils mit 2 Metern Abstand vor den ausgestellten Smartphones, so als hätte sie ein bisschen Angst vor ihnen.
"Du musst sie anfassen und ausprobieren, sonst findest du doch nie raus, welches dir liegt", dränge ich sie.
"Ui nein, ich mache sicher was kaputt!" Wie gesagt, ihre Generation traut moderner Technik nicht. Sie stellt sich auch vehement gegen ein Iphone. Wahrscheinlich, weil ICH eins habe. Wenn die Tochter, die halb so alt ist wie sie, mit einem Iphone hantiert, dann muss das doch eine wahnsinnig komplizierte Maschine sein, scheint meine Mutter wohl zu denken. Gut, am Ende entscheiden wir uns für Android - ja, WIR, denn ich muss sie einmal mehr ein bisschen zu ihrem Glück zwingen.

Nun aber das erste Problem: sie hat noch wichtige Fotos auf ihrem Uralt-Knebel, die sollen natürlich nicht verloren gehen. Darunter Porträts unseres geliebten Familien-Büsis, das schon irgendwie 10 Jahre tot ist, aber in der Erinnerung immer noch mehr als lebendig. Gut, ich schicke mir die Fotos also auf mein Iphone, um sie meiner Mutter später wieder auf ihr neues Smartphone zu schicken (Kompliziert? Kompliziert!). Der Swisscom-Mann wartet geduldig. Dann rettet er noch alle ihre gespeicherten Kontakte auf das neue Handy hinüber (nach den Fotos die zweitgrösste Verlustangst meiner Mutter) und schneidet ihre SIM-Card für das neue Gerät zurecht. Auch ihr Handyvertrag von anno dazumals wird an die Neuzeit angepasst. Es gibt kein Zurück mehr. Meine Mutter zahlt, noch ein bisschen zögerlich.
Super, wir verlassen mit dem Päckchen den Shop und steuern auf das nächste Café zu.
Schliesslich muss ich meiner Mutter das Smartphone ja jetzt noch einrichten.
"Also, ich mach dir als erstes ein Google+-Account."
"??"
"Egal, das musst du nie benutzen, merk dir einfach das Passwort, denn das brauchst du, wenn du Apps herunterladen willst und so."
"Aber ich will doch nur dieses Whats-dings da!"
"Sicher. Kuck, da ist es!"
Ich schiesse mit dem neuen Smartphone ein Bild meiner Mutter und füge es in ihr Whatsapp-Profil ein. Sie ist schockiert.
"Nimm das sofort wieder raus!!! Das ist ja grauenhaft!! Sehen das die anderen jetzt auch??"
"Klar."
"UM GOTTES WILLEN!!! Setz doch stattdessen lieber ein Foto der Katze ein oder so!"
Ich versuche es, aber als Iphone-Jüngerin habe ich keine Ahnung von Android, und auch nach 23 Versuchen kann ich das Profilbild nicht ändern. Meine Mutter muss leider vorerst damit leben. Sie bekommt fast einen Herzinfarkt, in der Überzeugung, dank dem grossen, bösen Internet sieht jetzt die gesamte Welt ihr vermeintlich unvorteilhaftes Porträt.

Nach einiger Zeit haben wir beide das Android ein bisschen im Griff. Jetzt geht es ums Üben. So, wie sie mir damals das Velofahren beigebracht hat, bringe ich meiner Mutter nun das Smartphone bei. Und so, wie sie damals, habe ich heute wohl den selben Gedanken: scheisse, das ist ja schwieriger, als einem Krokodil das Singen zu unterrichten!!
"Ok, Übung Nummer 1: du schickst mir per Whatsapp ein Foto und schreibst etwas dazu."
Sie verzweifelt fast, denn ihre Finger und vor allem die manikürierten, langen Fingernägel sind noch nicht an eine digitale Tastatur gewöhnt. Sie vertippt sich dauernd, löscht das Geschriebene wieder oder schliesst dank eines falschen Handgriffs das gesamte Programm. Nach einer gefühlten Ewigkeit treffen aber Foto und Text auf meinem Iphone ein.
"Ok, nächste Übung: du schreibst mir eine Mail."
Meine Mutter staunt, wieviel Werbung sich in ihrem Posteingang angesammelt hat, da sie den am Computer ja nie checkt. Jetzt mit dem neuen Handy wird das hoffentlich anders und ich kriege auch mal eine Antwort auf meine Post an sie.
Zuerst schmeisst sie das Ding aber fast wieder an eine Wand, so sehr nervt sie die ewige Vertipperei. Wir machen also ein paar Fingerlockerungs-Übungen, damit sie nicht immer so auf die Tasten einhaut, als müsse sie imaginäre Ameisen töten. Und ich zeige meiner Mutter, dass man ein Smartphone auch easy mit EINER Hand bedienen kann, man muss den Daumen nur richtig einsetzen - und vor allem SANFT, es gibt hier keine Knöpfe mehr, die man bis zum Anschlag runterdrücken muss.
Irgendwann erhalte ich dann auch die Mail. Noch mit einigen Schreibfehlern, aber egal.

Meine Mutter ist glücklich. Sie freut sich nun wie ein Kind, wenn ihr jemand lustige Videos und Bildli whatsappt (JA, ich kenne dieses Gefühl!). Und ihr Profilbild zeigt jetzt auch tatsächlich unsere Katze selig. Wir schicken uns nun dauernd irgendwelche stupiden Dinge hin und her. Und wenn sie es geschafft hat, eines davon zu speichern, dann schreibt sie mir das gleich voller Stolz - immer mit einiger Verzögerung, weil eben, das digitale Tippen dauert halt noch ein bisschen... Aber es macht ihr Spass. Ok, immer mal wieder holen sie ihre alten Ängste ein: "Gell, ich hab jetzt aber nichts kaputt gemacht?? Und gell, wenn ich da draufdrücke, dann ist das aber gratis, oder??" Aber bis jetzt konnte ich sie immer wieder ziemlich schnell beruhigen.
Wir fühlen uns glaube ich jetzt noch ein bisschen näher als sonst schon als Mutter und Tochter. Ich meine, sie ist doppelt so alt wie ich, aber wir haben nun je ein Handy derselben Generation. Das verbindet.

Übrigens: die Büsi-Fotos, die ich mir von ihrem alten Handy geschickt habe, sind leider nie angekommen. Das Steinzeit-Nokia meiner Mutter war mit meinem hippen Iphone 5 wohl einfach ein bisschen überfordert. Aber das Nokia existiert ja zum Glück noch: Steinzeit-Papi hat es übernommen.