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Donnerstag, 31. Dezember 2015

38 Alles wird gut!

Vor ein paar Tagen erledigte ich meine Einkäufe am Hauptbahnhof und hievte danach meine übervolle Papiertüte auf den Gepäckträger meines Velos. Ich bückte mich kurz, und schon war es passiert: die Tüte machte sich selbständig, plumpste upside down auf den Boden, und alle ihre Innereien verteilten sich auf dem Veloparkplatz vor der ehemaligen Sihlpost. 

Logo, war's mir peinlich. Das ist schon was Intimes, wenn die ökologisch und diättechnisch inkorrekten Einkäufe einfach so frei für alle sichtbar werden! Die Kaki Persimon aus Spanien wollten gar nicht mehr aufhören zu rollen und kullerten fast unter ein Auto. Meine Schokobananen, die Ovo-Guetzli und die Toffifee schlidderten geräuschvoll übers Troittoir. Und mein hipper Bio-Seidentofu blieb noch halb in den Speichen meines Velos hängen. 
Ich erntete desinteressierte bis spöttische Blicke. Alles eilte an mir vorbei und verlangsamte noch nicht mal den Schritt. Ich kroch hektisch über den dreckigen Asphalt und sammelte meine Schätze wieder zusammen, immer darauf bedacht, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu lenken - was naturgemäss unmöglich ist, wenn man irgendwo auf Knien auf einem Veloparkplatz herumrutscht. Alle glotzten weiter, klar. Ich kann mir ziemlich trottelig und ertappt vor und betete innerlich: "Gott, Allah, Natur, Schicksal, bitte mach, dass das schnell vorbei ist!"


Und nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich schliesslich erhört, denn ich sah plötzlich zwei erlösende Hände, die mir meine Kaki, die Schoggi und das Pack mit den importierten Zucchetti (sorry, waren Aktion!) entgegenstreckten. Mir entfuhr ein Seufzer der Erleichterung und ich sah auf. Ein junger Mann stand vor mir, überreichte mir meine Sachen, nickte kurz mit einem schüchternen Lächeln auf den Lippen und ging dann wieder weiter. Ich konnte gerade noch ein mehr als ehrlich gemeintes "Mässi!" sagen. 
Schnell war die (zum Glück noch intakte!) Papiertüte wieder voll, ich klemmte sie dieses Mal etwas vorsichtiger auf den Gepäckträger und fuhr nach Hause, das Herz pochend bis zum Hals, der Geist frohlockend, in der Überzeugung, eben die Bekanntschaft mit einem Engel gemacht zu haben. 
Alles wird gut!

Und mit diesem Glauben an eine bessere Welt und das Gute im Menschen starte ich ins 2016. 
Happy New Year euch allen!


Oh, und was ich noch sagen wollte: der junge, dunkelhäutige Mann, der mir da geholfen hat, war übrigens ein Ausländer. 
Einfach noch so zum Schluss. 
Feiert schön!

Dienstag, 15. Dezember 2015

37 Advent, Advent

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.

Nein, Tausende sind's. 
Ganz Zürich glitzert und glänzt. Überall Lämpchen und Kerzen, leuchtende Sterne, goldene Lametta, auf Hochglanz polierte Christbaumkugeln, man muss die Augen etwas zukneifen, so sehr blendet es.
Häuser, Strassen, Bäume, sie alle tragen ein festlich buntes Gewand. Am Balkon des Nachbarn blinkt alljährlich der Plastik-Samichlaus mit dem Plastik-Rentier um die Wette. Die Schaufenster in den Geschäften strahlen noch heller als sonst und preisen unermüdlich ihre kostbaren Schätze. Wie goldener Honig locken sie die Fliegen an, und nicht wenige bleiben kleben.

Dazu der heimelige Klang von Glöckchen, die zu Dutzenden zusammen im Takt schwingen. Und engelsgleiche Kinderstimmen, die göttliche Weisen singen. (Hey, das reimt sich sogar!) Wham sind wieder da.
Der Duft von Glühwein und Zimt zieht durch alle Gassen und macht noch mehr Lust auf die üppigen süssen Verlockungen, die an jeder Ecke warten, um die Zungen zu verführen, Spitzbuben, Lebkuchen, Grittibänzen. 

Die Menschen, wohlig eingemummelt in wärmende Stoffe, eilen voll Vorfreude ihres Weges. Das selige Lächeln versteckt unter den dicken Schals in den Gesichtern, freuen sie sich auf das bevorstehende Fest, der Gedanke an die geschmückte Tanne, die Geschenke und das üppige Mahl im Kreise der Familie erfüllt ihre Herzen mit Liebe. 

Und über allem liegt wie ein majestätischer, schwerer Schleier diese eisige Kälte, die die Wangen in rosige Knospen und den Atem in kleine Wölkchen verwandelt. Die Luft ist klar und fest, man kann sie fast mit Händen greifen, wären diese nicht auch gefroren. 
Es riecht nach Schnee.

Und ich so: "Gimme a break! Wänn isch ändli wieder Summer??" 



Dienstag, 1. Dezember 2015

36 Der Rest ist Schweigen

Wer nicht Nettes zu sagen wisse, der solle lieber schweigen.

So sagt man doch, oder? Nun, ich hätte eigentlich ganz viel Nettes zu sagen. Ok, auch sehr viel Unnettes, ja.
Aber Gott, das Universum, die Natur, das Schicksal, das grosse Unbekannte, das viel mächtiger ist als wir alle oder wie wir es denn nun auch nennen wollen, lässt mich zur Zeit nicht. Es hat mir die ersten Viren dieses noch jungen Winters geschickt, und erst noch so richtig arschlochige. 

Jedenfalls bin ich seit drei Tagen stumm.
Nein, nicht ein bisschen heiser oder so. Das ist für Pussys. Ich meine stumm. So richtig STUMM. Aus die Maus.

Ich seh ja nicht in mich hinein, aber es fühlt sich so an, als seien meine Stimmbänder auf Schlauchboot-Grösse angeschwollen. Das würde auch erklären, warum meine Zunge nicht mehr so  richtig Platz hat in meinem Mund. Und jemand hat das Schlauchboot angezündet. Das würde denn auch den Schmerz erklären. 
Das ist schon fies, wenn man so ungewollt schweigen muss. Ich kann zur Zeit nicht mal mehr das Telefon abnehmen, denn der Anrufer würde sich in einem dieser Horrorfilme wähnen,  wo es im Hörer nur so unheimlich gurgelt und rhythmisch knackt. Also, sorry, liebe Bank, du musst bestimmt noch fünf weitere Male anrufen, um mir diesen Kredit schmackhaft zu machen. Und du, unbekannte Nummer aus Eritrea - nein, du nicht.

Besuch? Was soll ich mit dem? Gebärdensprache üben? Ich kann mich zur Zeit echt niemandem zumuten. Nicht nur, weil ich nicht reden kann, sondern auch, weil ich drei Tage nicht geduscht habe. Keine Stimme, keinen Bock. 

Arbeiten? Bisschen schwierig ohne Stimme, wenn man einen Kommunikationsberuf hat. Ein Fussballer kann auch nicht mit gebrochenen Beinen aufs Feld.
Ich konnte mich übrigens nicht mal telefonisch abmelden. Eben, wegen Horrorfilm und so. Aber ich  fügte dem Whatsapp an meinen Chef noch eine Voicemail bei. 
Seit da leidet er an Schlafstörungen. 

Beim Arzt anmelden? HAHA! Ich musste grad direkt vorbei und der Sprechhilfe pantomimisch mein Problem klar machen, so mit der Handkante über die Gurgel streichen, als würde ich mich köpfen wollen und mit dem Finger zuerst auf die Lippen zeigen und ihn dann so lehrerhaft verneinend schütteln, dazu kräftig die Stirn runzeln und weinerlich kucken - ehrlich, das nächste Mal nehm ich noch die weissen Handschuhe mit und mal mir das Gesicht an. 
Tja, der Arzt selber brauchte dann praktisch keine Zeichensprache mehr, er checkte mein Wehwehchen schon bei der Begrüssung, wohl weil sein freundliches "Grüezi!" nicht erwidert wurde. Aber er hatte dann leider auch nicht die Wunderspritze, auf die ich gehofft hatte.

Und so muss ich weiterhin die Fresse halten, inhalieren und auf ein Wunder hoffen. Der Rest ist Schweigen. 
Oder tippen, HAHA!