Mittwoch, 22. April 2015

24 Sommer und der Rest

Es ist ja schon geil: kaum geht nach einem gefühlt unendlichen grauen und arschkalten Winter die Sonne wieder auf, erreichen die Temperaturen knapp den zweistelligen Bereich über 0 und riecht es ein kleines bisschen nach Frühling - schon nehmen viele in dieser Stadt ihre Sommerkleider aus dem Schrank: Trägershirt, Flip-Flops, kurze Hosen und Röcke, dazu die obligate Sonnenbrille.
Und natürlich geniesst man nun auch wieder die Mittagspause draussen, kaut sein Sandwich an einem Tischchen auf dem Trottoir vor dem Café und geniesst auch sein Feierabendbier dort. Oder schleppt den Gasgrill auf den Balkon, um den ersten Cervelat des Jahres an der frischen Luft zu braten. Die ganz Mutigen gehen sogar schon zur Feuerstelle im Wald. Und die ganz ganz Mutigen springen  schon in die Limmat für einen erfrischenden (=tieffrierenden) Schwumm, und zwar nicht etwa im schützenden Neopren-Anzug, sondern in der Badehose.
In der NEUEN Badehose, wohl gemerkt, denn kaum zeigen sich ja die ersten Sonnenstrahlen, findet man in den Kleidergeschäften keine Jacken und Schals mehr, sondern nur noch Strandmode, T-Shirts, Hotpants und Sandalen.
"Entschuldigung, ihr händ doch da son es schöns, blaus Strickchleid gha..." - "Ou, Sie, das isch scho lang weg, das isch vo dä Winterkollektion gsi, jetzt hämmer d Summerchleider!"
Draussen ist es knapp 12 Grad, aber egal.
Und die neuen Klamotten müssen natürlich auch gleich vorgeführt werden, wahlweise zusammen mit dem fleissig trainierten Sommerbody, auf dem Laufsteg am See am besten, wo man sich auf dem mitgebrachten Tüechli auf der Chinawiese dem hellen Himmelskörper entgegenstreckt und den Schauer unterdrückt, der einem über die Haut läuft, wenn sich eine Wolke davorschiebt und es merklich kühler wird.

Ja, und wenn ich dann vorbeilaufe, so in meinem wattierten Kurzmantel, den Stiefeln und dem Schal, darunter die Fettpölsterchen versteckt, die ich mir über Weihnachten und Ostern angefressen habe (obwohl schokoladentechnisch bei mir eigentlich das ganze Jahr über Weihnachten und Ostern ist), bei jedem Windchen vor Kälte zitternd, ja, dann schallt es gleich von links und rechts in den grellsten Tönen: "Hey, neeeiiii, Bitterbööös, es isch im Fall huere warm!! Schwitzisch nöd?? Bisch chrank??!!"
Nein, bin ich nicht. Aber ihr seid es bald, all ihr hippen Frühlings-Sonnen-Anbeter in euren kleinen Fetzchen Stoff! Dann nämlich, wenn das Wetter von einem Tag auf den anderen wieder umschlägt, denn der April macht ja bekanntlich, was er will. Und plötzlich ist es wieder arschkalt und grau und es pisst, und dann höre ich sie alle klagen, ooohhh, Blasenentzündung, Grippe, Halsweh, Schnupfen!! Und der Frühling ist so schnell für sie vorbei, wie er begonnen hat, denn wahrscheinlich kommen sie gar nicht mehr aus dem Bett, bis das Wetter endlich konstant schön und warm bleibt, also bis im Juli oder so.

Für mich gibt es nur Heiss und Kalt, also Sommer und der ganze Rest. Die fette Jacke wird nicht in den Schrank gehängt, bis es draussen gegen die 30 Grad geht. Ich springe in kein Gewässer, wenn ich draussen vor Hitze nicht fast schmelze (und ehrlich gesagt ertrinke ich auch dann fast, weil ich mich vor lauter Schockstarre nicht mehr bewegen kann - übrigens auch im Hallenbad). Ich trinke meinen Kaffee an keinem Tischchen, auf den ein Baum oder ein Sonnenschirm Schatten werfen. Und das Träger-T-Shirt ziehe ich nur auf Reisen in den Tropen an oder in der Wüste.

Ja, man könnte tatsächlich behaupten, dass ich eine Memme bin. Ein "Gfröörli". Eine Tussi, eine Züri-Tussi.

Aber ich hab wenigstens nie Schmerzen beim Pissen.


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