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Mittwoch, 31. Dezember 2014

17 Reclaim your brains!

"Liebe" Initianten der Krawalle vom 12. Dezember im Langstrassenquartier und in der Europaallee.


Ich gehöre zu den "Auserwählten", die kurz vor dem Jahresende noch euer anonymes Pamphlet im Briefkasten vorgefunden haben. Ein Schreiben, mit welchem ihr eure jüngste Aktion von "Reclaim the Streets" rechtfertigt.


Ich lese also: "Gegen die Stadt der Reichen", so der Titel, ein "Vorschlag für einen Kampf gegen die städtischen Umstrukturierungsprozesse in Zürich". Es folgt die ausführliche Erklärung: all die Luxuswohnungen und Schickimicki-Geschäfte in Zürich würden die ärmere Bevölkerung zunehmend in "die für sie zugerichteten Schlafghettos am Rande der Stadt" verdrängen.  So werde ein sozialer Konflikt angeheizt, eine Trennung in Besitzende und Ausgebeutete, Privilegierte und Ausgeschlossene. Die Politik und die Reichen wollten den sozialen Raum verwalten, um zu vermeiden, dass die einen zurückholten, was ihnen entrissen oder vorenthalten würde. Dagegen müsse man sich wehren, und zwar jeder so, wie er es am besten könne, denn "die physische Dimension von solchen selbstverwalteten Kampfstrukturen ist verschieden denkbar". 
Daneben folgt eine detaillierte Beschreibung der Krawalle vom 12. Dezember: nein nein, man habe nicht "ziel- und wahllos" Scheiben eingeschlagen und Fassaden zerstört, wie immer von den Medien vorgeworfen. Man habe sich GEZIELT auf die Europaallee konzentriert, mit ihren edlen Restaurants und Läden. So nebenbei seien dann noch zwei Weihnachtsbäume verbrannt worden, "ein Fest, das die zerstörerische Kreativität von so einigen inspirierte und das hundertmal mehr Lebendigkeit und Schönheit ausstrahlt als das geschmacklose 'Fest der Liebe'". Die Krawalle seien nur ein "Beispiel davon, was möglich ist - und noch wäre!" Und natürlich "nimmt man damit bewusst Körperverletzungen in Kauf", die Polizei mache das mit ihrem Tränengas und Gummischrot ja genauso. 
Dazu gibt es ein paar Fotos aus jener Nacht, von zerstörten Schaufenstern, versprayten Wänden und herausgerissenen Stromkästen.

Aha. 

Also, ich lerne aus euren acht Seiten: in der Stadt Zürich ist Krieg. Und Gewalt ist ok.

Ich habe noch selten so einen Schrott gelesen!

Erstmals möchte ich festhalten: ja, auch mir macht die Stadtentwicklung Sorge. In Zürich kann man den Mietpreisen beim Steigen zuschauen. Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung dauert hier oft Monate, unzählige Male darf man sich bei der Besichtigung mit 100 anderen in die Schlange vor dem Haus einreihen und geht dann ja doch leer aus. 
Als Familie in der Stadt Zürich wohnen? Wohl kaum. Sind Kinder unterwegs, müssen viele in die Agglo ausweichen. 
Ja, das ist ein Fakt und es ist nicht lustig und schon gar nicht Ordnung. Da muss etwas geschehen, zweifellos. Und das erfordert Engagement.
Aber Gewalt? I doubt it!!

Es geht hier doch nicht darum, einen Despoten zu stürzen oder Geiseln zu befreien! Ihr wollt Krieg spielen? Geht nach Syrien, dort haben die Leute aber auch wirklich allen Grund, sich mit Gewalt zu wehren!!
Herrgott, macht doch mal die Augen auf, zieht euch eure scheiss Masken vom Gesicht! Wir sind verdammt verwöhnt hier und können uns auch anders wehren! Aber das erfordert halt ein bisschen Hirn und Ausdauer und Strategie, etwas, worüber ihr Idioten (ja, das seid ihr, auch wenn ihr es nicht gerne hört, aber wie wollt ihr denn lieber genannt werden? "Helden"? "Lebensretter"?? Nicht im Ernst, oder??) offensichtlich nicht verfügen.

Was genau hat die Gewalt vom 12. Dezember gebracht? Ausser, dass der Kreis 4, in dem ich zufälligerweise wohne, jetzt zum Kotzen aussieht? Auf Schritt und Tritt verkritzelte Fassaden, mit so total geistreichen Sprüchen wie "Sommaruga? Knieschuss!", "Fuck Cops!" und "FCZ" (ich habe nicht genau verstanden, wie ein Fussballclub uns "Raum und Zeit, die uns entrissen wurden, zurückerobern" sollen, erklärt mir das doch bitte mal). Danke auch für das, es ist immer uuh schön, nach Hause zu kommen. Ich schwanke bei diesem Anblick stets zwischen dem Drang, den Putzlappen hervorzuholen oder bei euch als Rechtschreibe-Lehrerin anzuheuern.
Was glaubt ihr denn? Dass sich eure verhassten Banken, Politiker und Reichen nun sagen: "Ooooohhh, die haben alles kaputt gemacht! Ja, gut, easy, dann richten wir jetzt halt ganz viele billige Wohnungen ein und schaffen das kommerzielle Weihnachtsgeschäft ab, no problem"?
Und wieso motzt ihr über all die Luxuswaren in den Schaufenstern, wenn ihr dann die Scheiben einschlagt und selber "die Hände nach dem, was dahinter ist, ausstreckt"? Echt, Perlenketten gehören also zu den Dingen, die euch "entrissen und vorenthalten" werden? Euch geht es aber gut!
Ausserdem: euch ist schon klar, wer den Schaden, die ihr in jener Nacht angerichtet habt, bezahlen wird, oder? Ja, wir alle nämlich. Obwohl ich bei euch bezweifle, dass ihr arbeitet und Steuern bezahlt, weil ihr wohl glaubt, die Stadt muss euch einfach ALLES gratis geben. Aber so einfach funktioniert das Leben halt leider auch nicht, es ist ein Geben und Nehmen. 
Das mag vielleicht nicht immer ganz gerecht und ausgewogen sein in dieser Stadt und wohl überall auf der Welt, da geb ich euch Recht. Aber vermummt, brandschatzend und Steine werfend durch die Stadt zu ziehen ("keine Forderung ist sichtbar" und "keine Täter identifizierbar"), ist es ganz bestimmt auch nicht. Es ist feig und sinnlos. 
Und ehrlich gesagt, macht es mich auch verdammt traurig. Ich liebe Zürich trotz allem, ich denke, diese Stadt bietet unheimlich viele Möglichkeiten - und ihr tretet das mit Füssen! Wir sind hier nicht im Krieg - aber ihr zettelt gerade einen an! Ihr seid einfach zu faul, euch anzustrengen und den demokratischen Weg zu wählen (in wie vielen Städten und Ländern sonst steht euch diese Möglichkeit zur Verfügung, schon mal darüber nachgedacht??) Euch ist doch einfach nur langweilig und ihr lasst euren Frust raus, wie verzogene Kinder im Sandkasten: Einfach mal schnell alles das kaputt machen, was man selber gern hätte, die Sandburg des anderen zertreten und sein Dreirad demolieren. Sehr reif, wirklich! Und ihr wollt in dieser Stadt das Zepter übernehmen und "unsere Interessen repräsentieren"? Nee, du, da sind mir die Banken und Parteien aber lieber!



Also, bitte: Reclaim you BRAINS!! Und verschont mich das nächste Mal bitte mit so dämlicher Post, ja?


Danke und guets Neus!

Freitag, 12. Dezember 2014

16 Ich bin alt

Ich sitze beim Coiffeur.
Die sehr nette, sehr hippe und sehr redegewandte Coiffeuse fragt, ob sie mich duzen darf. Klaro, bin ja nicht von vorgestern! Und ausserdem sind wir so ziemlich auf einer Wellenlänge, sprechen über unsere Pläne für Sylvester, unsere Lieblings-Bars in Zürich, die neusten Pop-Hits am Radio. Zwei junge Frauen halt. Dann wäscht sie mir die Haare und schaut mir dabei bewundernd ins Gesicht.
"Hey, dis Nasepiercing isch meeeeegaa cool, wo häsch das mache lah?"
Ich so: "Weiss gar nicht mehr, ist schon 20 Jahre her."
Schweigen.
Dann die Coiffeuse so: "Hihi, echt? Da war ich noch gar nicht auf der Welt!"

Cool. You made my day, merci! Nun bin ich also offiziell ALT!!  Eine gepiercte OMA!!!
Darf man in meinem Alter eigentlich überhaupt noch ein Loch in der Nase haben?? Und das im Bauchnabel?? Muss das auch weg?? 
Keine engen Jeans mehr?? Keine Turnschuhe?? Wird's jetzt langsam Zeit für Krause-Senn und C&A?? Badeanzug statt Bikini?? 
In die Ferien mit dem Rollkoffer statt mit dem Rucksack?? Familienhotel statt Airbnb??
Nur noch Kino und gemeinsam Kochen mit Freunden statt feuchtfröhliche Gelage im Club??

Oh Gott, bin ich etwa langsam peinlich, so wie diese Mütter, die sich mit Mitte 50 endlich scheiden lassen und dann wieder mit der Teenie-Tochter in die Disco wollen, so mit Hotpants und Bauchfrei-Top???!!!

NICHT. LUSTIG!!!

Das muss ich die Coiffeuse das nächste Mal fragen, wenn ich wieder zu ihr gehe, damit sie mir die grauen Haare überfärbt. 

Donnerstag, 13. November 2014

15 Fuck you, biologische Uhr!

Alle Jahre wieder.
Ich geh zu meiner Frauenärztin zur Kontrolle, und dann am Schluss, kurz bevor ich aufstehen und gehen will, kommt dieser ernste Blick über den Brillenrand und die Frage:
"Frau Bitterbös, wie gseht's dänn jetzt uus mit Chind bi Ihne?"
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Sie hat mit dieser alljährlichen Frage begonnen, als ich so knapp über 30 war. Und seither wird sie jedes Jahr drängender. Also, die Frage, mein ich. Gut, die Frauenärztin eigentlich auch.

Sie weist mich sanft aber bestimmt darauf hin, dass meine biologische Uhr langsam abläuft. 

Nun, glücklich die Frauen, die auf diese Frage ohne zu Zögern mit "Ui, Chind? Neeeeiiii, danke, ganz sicher nöd ich!!" beantworten können, denn sie müssen keinen weiteren müden Gedanken mehr daran verschwenden. 
Glücklich auch diejenigen, die voll überzeugt "Ja, klar, unbedingt!" sagen können, denn sie haben wohl eh schon ein paar Kids zu Hause und nehmen jetzt vielleicht noch ihre letzte Chance wahr. 
Unglücklich aber die Frauen, zu denen auch ich mich zähle. Denn sie antworten auf diese Frage mit: "Jeeiiiiinnn, aso, villicht, aso, ich weiss nöd... glaub scho. Aber nöd unbedingt. Glaub's."

So bis 30 war Mutter werden für mich ein absolutes No-Go. So ein Klotz am Bein, gaht's no?? Ich will frei sein!
Ich arbeite viel und zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten des Tages. Ich tingle jedes Jahr durch die Weltgeschichte, flieg mal hier hin, mal da hin, mal kurz, mal lang. Ich habe aufwändige Hobbies, ich investiere mein Geld gerne in neue Kleider und Schuhe und Möbel, ich geh aus, wenn ich grad Lust hab, ich probiere dauernd irgendwas Neues aus, ein Sprachkurs hier, ein Tanzkurs da, und wenn ich frei hab, lieg ich auch einfach mal den ganzen Tag nur im Bett - kurz: ich führe ein egoistisches Leben ohne grosse Rücksicht auf andere und mache meistens, was mir grad passt. Das aufzugeben oder zumindest für eine gewisse Zeit hintenan zu stellen, fiele mir wohl nicht ganz so leicht. 
Aber heute, wo ich unweigerlich auf diese magische Grenze von 40 zugehe, wo mir in Punkto Kinderkriegen das Wasser schon bis zum Hals steht, ist mir klar: das ist alles vergänglich. Und proportional zu meinem Alter wächst auch das Verlangen nach etwas, das bleibt. Nach einem Abenteuer, das etwas länger anhält als gewohnt. Nach dem Weitergeben. Es muss nicht mehr alles ständig neu und ungewohnt und unverbindlich sein. Mit Mitte 30 und ein bisschen mehr schwindet bei mir langsam diese Panik vor der Biederkeit, der Langeweile und dem Stillstand. Ich hab Freude an meinem Gottemeitli, ich wüsste einen Namen für meine Tochter. Ok, Haus auf dem Land, Familienhotel und Aneinanderkleben gehen wirklich immer noch nicht, aber ich bin überzeugt, dass man Kinder auch anders grossziehen und sich einen Teil seiner Freiheit und Unabhängigkeit bewahren kann. Ja, vielleicht wär ich also bereit. Glaub's.
Kommen wir also zum eigentlichen Problem in dieser ganzen Sache und damit zum alljährlichen Standard-Anschlusssatz meiner Frauenärztin, der jeweils gleich auf die obige Frage folgt: "Wänn Sie jetzt dä richtig Partner händ, Frau Bitterbös, dänn warted Sie nöd länger!" 
Tja, der "richtige" Partner war in all den Jahren der Hinweise auf meine schwindende Fruchtbarkeit halt eben noch nicht dabei. 
Ansonsten gab es aber schon sämtliche Variationen: Männer, die Kinder wollten, aber nicht mit mir. Männer, die Kinder wollten, aber ich nicht mit ihnen. Männer, die keine Kinder wollten, aber mich auch nicht. Männer, die keine Kinder wollten, aber ich sie auch nicht. Und das häufigste Exemplar: Männer, die eigentlich schon vielleicht ganz gerne Beziehung und Kinder wollten glaub's, aber halt irgendwann mal und bloss nicht jetzt und bloss nicht so und überhaupt am liebsten gar nichts dafür ändern wollen im Leben und irgendwann kommt eh noch was Besseres. 
Das heisst, diese Exemplare befinden sich immer noch in diesem Zustand wie ich damals mit 30, sind aber gut und gerne schon 10 Jahre drüber.

In dieser verfahrenen Situation steh ich nun also zwei möglichen Lösungsansätzen gegenüber:

Lösungsansatz 1: Ich entscheide mich ALLEIN für ein Kind und lass den Mann nach der Zeugung einfach weg. 
Ja, bestimmt, so stell ich mir das Muttersein auch vor: alleinerziehend von Beginn weg! Die ganze Arbeit lastet auf mir! Ausserdem finde ich, ich bin meinem Kind einen anständigen, anwesenden Vater schuldig. Oder was soll ich dem Youngster dann später mal sagen? "Sorry, Schatz, häsch du kein richtige Papi. Aber er hät dich halt gar nie welle." 
Ähä.  
Lösungsansatz 1 fällt weg.

Lösungsansatz 2: Ich entscheide mich halt definitiv GEGEN ein Kind.
Fällt auch weg. Wenn ich das könnte, hätte ich es ja schon längst getan.

Scheisse.
Mann, die biologische Uhr ist aber auch so ein UNFAIRES ARSCHLOCH, echt!!!!!!!

Ich will verdammt nochmal auch so sein wie diese "Ich will ja schon aber nicht jetzt wääähhh Verantwortung"-Männer! Mich nicht entscheiden müssen!! Mir schön Zeit lassen mit dem Reifen, mit dem Hörner abstossen und so, denn ich kann mir ja dann mit 55 noch eine 25-jährige schnappen und mit der Kinder zeugen! Easy peasy, bloss keine Eile!!!
Das ist einfach voll fies!! Männer müssen sich nicht jedes Jahr beim Urologen wieder diese nervige Frage nach der Familienplanung anhören, ihnen wird nicht dauernd der Rückgang ihrer Fruchtbarkeit statistisch vorgerechnet! Und sie gehen dann auch nicht nach Hause und zerbrechen sich den Kopf darüber, was man im Leben wohl mal mehr bereut: Ein Kind zu kriegen oder kein Kind zu kriegen?

Fuck you, biologische Uhr, FUCK YOU VERY MUCH!!!!!!





Mittwoch, 29. Oktober 2014

14 You're so arty!

Ein ganz normaler Smalltalk in einer Bar oder an einer Party in Zürich:

"Und was machst du so?"
"Oh, ich arbeite im Büro einer Anwaltskanzlei, aber eigentlich bin ich Künstlerin, weisch. Ich male und schreibe Gedichte."
"Und du?"
"Ich bin DJ. Ich lege in verschiedenen Clubs auf. Aber ich jobbe zur Zeit auch noch in einer Bar."
"Ich arbeite an der Rezeption eines Hotels. Also, eigentlich bin ich Schauspielerin. Eigentlich."
"Ah, ich auch! Aber grad arbeitslos. Morgen geh ich an ein Casting, drückt mir die Daumen! Ist für einen Werbespot, gutes Geld!"
"Vielleicht engagier ich euch mal, haha! Ich bin Regisseur."
"So cool, Regisseur! Ich kenn ja den Michael Steiner persönlich, weisch, ist ein Freund von mir. Voll easy, der Typ."
"Glaub ich. Ich hab grad einen Kurzfilm abgedreht, aber jetzt brauch ich noch einen Cutter, der mir alles zusammenschneidet. Kennt ihr zufällig jemanden?"
"Hey, das könnte ICH machen! Ich bin nebenbei noch so ein bisschen Videokünstler, ich kenn mich aus!"
"Cool, gib mir doch mal deine Telefonnummer! Und du übrigens kommst mir irgendwie bekannt vor... Schauspielerin?"
"Ich? Nein, nein! Marketingplanerin. Aber vielleicht hast du ja meinen Mode-Blog gelesen...?"
"Wow, du musst unbedingt mal über mich schreiben, ich bin Designerin! Ich bau mir grad mein eigenes Label auf, weisch...!"
"Hey, kommt doch alle nächste Woche ins Dynamo! Ich stell dort meine Bilder aus!"
"Du malst auch?"
"Nein, ich fotografiere. Ich hab ein gutes Auge, ich bin Optiker, haha!"
"Cool, also, ich komme bestimmt! Ich liebe Vernissagen! Kostet es Eintritt?"
"15 Franken."
"Ou, das ist aber recht teuer! Ich hab eben grad keinen Job, weisch. Ich will mich voll auf das Singen und Songs schreiben konzentrieren. Nächstes Jahr nehme ich mein Debut-Album auf."
"Ich kann dich sonst gern mal anhören, wenn du willst."
"Du bist Musikproduzent?"
"Grafiker. Aber ja, ich mach ein bisschen meine eigenen Mixes und so. Und ich kenn Roman Camenzind, weisch, den Produzenten von Baschi..."
Ich bin ja immer wieder überwältigt, wieviele Künstlerinnen und Künstler wir in dieser Stadt haben. Alle singen, tanzen, schreiben, malen, fotografieren und schauspielern. Also, nicht nur, denn man muss sich sein Leben ja auch noch irgendwie finanzieren, und das geht halt meist nur mit einem normalen, total unglamourösen Job. Aber egal, alle sind nebenbei noch auf irgendeine Art kreativ, weil es sie glücklich macht und erfüllt - oder weil sie beim Smalltalk im Ausgang in Zürich mithalten wollen. 
Mir kommt bei solchen Gesprächen mit dem Wein- und/oder Bierglas in der Hand ja immer dieses Lied von Franz Ferdinand in den Sinn: "Here we are at the transmission party. I love your friends, they're all so arty..." Ja, Künstler-Freunde sind ja wirklich soooo cool! Mit einem Buchhalter oder einer Kassiererin kann man sich ja schliesslich nicht unterhalten! Nein, wer nicht noch in irgend einer Art kreativ ist in seinem Leben, keinen Drang hat, sein wahres Ich in irgendeinem schöpferischen Prozess auszudrücken, wer keine bedeutungsschwangeren, emotionsgeladenen Outputs, materiell oder virtuell, vorweisen oder solche wenigstens unglaublich klug und in schwurbligen, völlig unverständlichen Sätzen, gespickt mit hochintellektuellen Fachausdrücken kommentieren kann, der gilt gleich als Banause. Als Loser. "Iiiiiihhh,  hast du gesehen, der kreiert nichts, wääähhh, voll asi!!!"

Als ob Nicht-Künstler die schlechteren Menschen wären!

Ich würde an so einem typischen Zürcher Arty-Party-Smalltalk ja gerne einfach mal ein "Ich finde Kunst SCHEISSE!!!" in die Runde werfen. Einfach so aus Prinzip, um mal gegen den Strom zu schwimmen und mich diesem ganzen Kreativzwang zu widersetzen. "Ins Theater? Geht's noch?! Ich verstehe dieses hochgestochene Goethe-Geschwafel sowieso nicht, und dass die sich auf der Bühne immer ausziehen und rumschreien müssen, geht mir sowas von auf den Sack! Eine Vernissage? Also bitte, so ein paar bunte Striche in einem Bilderrahmen kriegt mein 4-jähriges Gottimeitli auch noch hin, was bitte ist daran die grosse Kunst? Und diese DJs sind ja auch alle himmelhochjauchzend überbezahlt, das ist ja gar keine richtige Musik, die können ja noch nicht mal ein richtiges Instrument spielen! Und bleibt mir bloss vom Leib mit Gedichten! Ich versteh KEIN WORT!! Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium...?! BITTE??!! Nein, ich mag auch keine Arthouse-Filme schauen, in denen stundenlang einfach gar nichts passiert, vorüberziehende Landschaften kann ich mir auch beim Autofahren ansehen! Und wer bitte soll diese Kleider tragen, WER??!!"
Ja, ich würde mich einfach gerne mal dieser ewigen Künstlerei verweigern, meinem stinklangweiligen Bünzli-Bürojob nachgehen, beim Smalltalk an der Party genau nur über diesen sprechen, und in meiner Freizeit faul rumliegen oder, wenn's hoch kommt, passiv Fernsehen. Fertig.

Aber nein, ich mache es dann ja eben doch nicht. Ich schreib nur davon in meinem total kreativen Blog. 
Arty.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

13 Wie dir dein Gehirn den Tag versauen kann

Heute Morgen bin ich aus einem richtig üblen Alptraum aufgeschreckt. So übel, dass mein Tag grad gelaufen war. Kennt ihr das? Ein einziger Traum, ein bisschen fiktives Kopfkino, eigentlich ist gar nichts passiert, man lag nur im Bett und schlief - und trotzdem würde man den Tag nun am liebsten damit beginnen, sich unter das Tram zu legen.

Es ging um einen Riesenstreit. Ich hatte im Traum einen Riesenstreit mit Familie und Freunden, ich schrie mich heiser und schmetterte Dinge an die Wand. An den Grund erinnere ich mich nicht mehr, nur an dieses unglaublich intensive Gefühl, dass sich in meinem Bauch ausbreitete. So eine Mischung aus Wut, Hass, Enttäuschung, Trauer, Angst, Einsamkeit und Verzweiflung, also alles, was man an Beschissenem fühlen kann auf dieser Welt auf einmal. Und das Schlimmste daran: dieses Gefühl nahm ich nach dem Aufwachen dann grad noch mit rüber in das reale Dasein, es blieb an mir haften wie ein alter Kaugummi in den frisch gewaschenen Haaren, aber Haare kann man wenigstens abschneiden, Gefühle nicht, jedenfalls nicht, solange Gehirnamputationen noch ambitionierte Zukunftsmusik sind. 

Also sitze ich schon frühmorgens im ÖV und hoffe irgendwie, dass er explodiert. An der Sitzung im Büro nicke ich bedächtig zu den Worten des Chefs, dabei habe ich keine Sekunde lang zugehört und die ganze Zeit direkt durch seine Augen hindurch an die Wand hinter ihm gestarrt. Und auf dem WC heule ich heimlich und weiss nicht mal warum.
Wieder zu Hause ziehe ich erstmal unerfreuliche Post aus dem Briefkasten, natürlich, wahrscheinlich habe ich mit meiner Deprostimmung auch noch grad das reale Unheil angezogen, danke auch. Dann schiesse ich all meine Feierabend-Pläne in den Wind und mache stattdessen - gar nichts. Gut, doch, das hier schreiben, haha (und es ist natürlich auch noch der 13. Beitrag, voll die Unglückszahl, Zufall oder auch dem Arschlochtraum zu verdanken??). Und per whatsapp mich ausheulen bei Familie und Freunden, weil in Wirklichkeit habe ich ja gar keinen Krach mit denen, es ist alles in Ordnung. Also, bei denen jedenfalls, bei mir selber herrscht das totale Chaos, da ist einfach immer noch dieses Scheissgefühl aus dem Alptraum, das geht nicht mehr weg, ich spüre richtig, wie es sich mit seinen grässlichen Tatzen in meinem Magen festkrallt und ich höre es lachen "Haha, du dumme Kuh, gib's auf, ich bleibe, ich lasse dich jetzt gaaaaaanz laaaaange leiden, das find ich geil!". Ich kriege Trostspenden, mein iphone piepst und klingelt, man kümmert sich geduldig um mich, nicht nur virtuell, auch so ganz in echt. Ich komme mir albern vor, mein Gott, ich zweifle an meinem Dasein wegen eines popeligen Traums, wie peinlich ist das denn!! Jetzt bin ich auch noch komplett durchgeknallt!! Aber hey, nein, wartet, Gefühle können doch nicht täuschen, oder...??
Man sagt doch, dass das Gehirn im Traum Eindrücke verarbeitet. Ok, dann müssen meine letzten Eindrücke aber ziemlich schlimm gewesen sein. Wie soll ich das jetzt deuten? Muss ich in meinem Leben mal aufräumen, damit solche scheiss Eindrücke mich erst gar nicht mehr erreichen? Stelle ich mir ziemlich schwierig vor, dann dürfte ich ja niemals wieder das Internet aufschalten, Radio oder Fernseher anmachen, eine Zeitung aufschlagen, mit keinem Arschloch mehr in Kontakt kommen und das Schwierigste: ich müsste vollkommen eiskalt sein, um auch wirklich gar nichts mehr spüren zu können. Uiuiui, irgendwas sagt mir, dass das wohl eher nicht klappen wird (obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass es solche halbtoten Zombies tatsächlich gibt unter uns). 
Oder sind solche Alpträume einfach eine Art "Laune der Natur", völlig zufällig, fantasievolle, aber unbedeutende Trickfilme, kleine Scherze unseres Gehirns? Warum aber kann es so etwas Unechtes schaffen, dir so echte Gefühle einzuflössen? Wie kann dir dein eigenes Gehirn den Tag so unglaublich versauen, und vor allem, warum sollte es das überhaupt wollen, ist es doch so auf Überleben und Fortpflanzung und Suche nach dem Glück getrimmt? Voll kontraproduktiv, wenn es dann schuld daran ist, dass du so aus dem Nichts Suizidgedanken hegst!
Und OH MEIN GOTT HILFE: wie werde ich mich erst fühlen, wenn mir dann mal wieder in der REALITÄT etwas total Beschissenes und Grässliches passiert?? 

Ich kriege Panik!!

Ich brauche jetzt ganz dringend was wirklich unschlagbar Saugutes, ECHTES am besten, um diesen verdammten Scheisstag wieder zu neutralisieren und aus meinem System zu bringen.
Ideen willkommen. 
Danke. 

Donnerstag, 25. September 2014

12 Geduld ist was für andere

Ich experimentiere gerade mit mir selber. Nein, ihr Ferkel, nicht was ihr wieder denkt! Ich übe mich in GEDULD.
Schliesslich hat man mir einmal mehr unverblümt mitgeteilt, ich sei zu fordernd, zu überstürzt, ich wolle immer alles sofort, überfahre damit alles und jeden und sei - eben - zu ungeduldig. Gut Ding will Weile haben oder so, sagen sie immer. Das ist aber nicht gerade meine Stärke. Hey, ich bin eine Züri-Tussi!! Ich passe mich schliesslich nur an an meine Stadt! Was bitte geht hier denn nicht schnell, ausser eine Autofahrt durch den Gubrist zur Stosszeit?!
 
Aber gut, Kritik angekommen, ich gebe mein Bestes. Ich will also geduldig sein.
Ich versuche, dieses Training in meinen Alltag zu integrieren, so dass ich gar nicht merke, dass es mega mühsam ist und mich eigentlich gottlos anscheisst (das kenne ich ja vom Sport: ich HASSE Fitnessstudios, also nehme ich jeweils die Treppe anstatt den Lift, easy, so ganz nebenbei ein paar Kalorien verbrennen und die Muskeln formen, da fällt es gar nicht auf, dass es sich eigentlich um scheissdoofen, langweiligen Sport handelt, klar, haha!).
 
Gut. Ich stehe also am Fussgängerstreifen. Es wird und wird nicht grün. Ich warte. Warte. Und warte. COMOONN!! Ich trete nervös von einem Bein auf das andere. Hey, es ist rot, dabei fährt kein einziges Auto vorbei!! Ruhig, Bitterbös, ruhig, Geduld, gleich wechselt das Lichtsignal, gleich - nee, ich halte es nicht aus, ich marschiere im Stechschritt über die Strasse, das rote Männchen prangt immer noch über mir. Fail.
Ich will Schokolade. Ich hatte sicher schon drei Tafeln, aber ich WILL jetzt Schokolade, verdammt nochmal!!! Im Migros laufe ich sicher zehnmal am Regal mit den Guetsli und Tafelschokoladen vorbei. Nein, nein, jetzt wartest du gefälligst, bis du zu Hause bist, dort hast du noch feines, süsses Magerjoghurt im Kühlschrank. Und einen saftigen Apfel auf dem Küchentisch. Ist viiieeeel gesünder und doch auch totaaal fein! Aber nur schon, wenn ich an das Wort S.C.H.O.K.O.L.A.D.E. denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen und mein Magen verkrampft sich fordernd, so dass es schon richtig wehtut.
Ach, leckt mich doch!! Ich will ungesunden Mist und das JETZT!!! Und SPÄTER auch!!! Ich greife beherzt nach Schoggi und Guetsli und fülle damit meinen Warenkorb. Fail.

Der Chef sagt: also, wenn du dir ganz viel Mühe gibst und dann mal mehr Erfahrung hast, dann wirst du vielleicht mal befördert. So irgendwann in der Zukunft vielleicht. Dann wird diese Stelle vielleicht mal frei, dann kannst vielleicht DU sie haben. Nur Geduld.
Ich krampf mich also ab, ich verbessere mich, ich  bin saukritisch mit mir selber, ich nehme alle Feedbacks ernst, ich setze um, was von mir verlangt wird. Aber da tut sich nichts.
Nein, wirklich jetzt, Bitterbös, das kommt schon, du musst nur Geduld haben, dann kommt das gut. Du machst sicher mal die ganz grosse Karriere, ich weiss es. Aber geb jetzt einfach dein Bestes und wart mal schön ab.
Ich kündige. Fail.

Sie nervt mich. Die Person sitzt direkt vor mir und lächelt mir überfreundlich ins Gesicht, aber sie nervt mich. Was sie sagt, wie sie sich bewegt, ihre Art zu denken oder eben nicht zu denken. Gut, die Menschen sind ja schliesslich alle unterschiedlich, gell. Da muss man schon tolerant sein und Verständnis zeigen und so, sich gegenseitig akzeptieren halt. Ja, jeder hat eben sein eigenes Päckli zu tragen, seine eigene Meinung, das ist doch gerade das schöne dieser Welt, dass sie so vielfältig ist, ähä.
So NERVIG, ja!! Es juckt mich echt in den Händen, ich würde sie gerne würgen, diese Person vor mir und diese ganz bösen Worte, die liegen mir schon zuvorderst auf der Zunge, direkt hinter den Zähnen, die ich mit gaaaaaaaaaaaanz viel scheiss GEDULD krampfhaft aufeinanderpresse!! Neeeeeeein, nein, das kannst du nicht bringen, halt dich gefälligst zurück, knutsch den Menschen doch vielleicht stattdessen, so praktizierte Nächstenliebe wie in der Bibel, weisst du, aber ganz sicher keine Gewalt, Gewalt ist schlecht und bringt nichts, wart jetzt einfach mal ab und seh's locker und...!!!!
DU VERDAMMTES AAAAAAARSCHLOCH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!, schreit es schliesslich aus mir heraus. Fail.

Ok. Ich habe es wirklich versucht. Aber ich habe kläglich versagt. Ja, ich gebe es zu: ich habe einfach keine Geduld mit der Geduld. Geduld ist für andere, nicht für mich.
Vielleicht lohnt es sich manchmal zu warten, sicher. Für die wirklich wichtigen, wichtigen Dinge im Leben. Aber sorry, für vieles andere ist geduldig sein gleichzusetzen mit Zeit verschwenden. Für was immer Warten? Man will etwas oder will es halt nicht, so einfach ist das. Das weiss man doch, das ist ein Fakt, da kann ich auch noch so geduldig sein, es ändert nichts daran. Ich will es jetzt und später, nach dem züchtigen Warten, will ich es immer noch. So what??

Also, gebt es mir einfach und Ruhe ist.

 


Samstag, 13. September 2014

11 Ice Bucket my ass!

Ich muss es jetzt einfach mal sagen: diese doofe Ice Bucket Challenge geht mir vielleicht sowas von auf den Sack!! Man kann ja keines seiner sozialen Netzwerke mehr aufschalten, keine Zeitung mehr öffnen, ohne dass einem dort gleich als erstes irgendwer entgegenstarrt, der sich gerade einen Kübel Wasser über den Grind leert!

Jaja, ich höre es schon: "Die Bitterbös ist ja so eine dumme Kuh, denkt nur an sich und nicht an andere! Das ist ja schliesslich alles für einen guten Zweck!" Klar weiss ich, dass die Ice Bucket Challenge dazu dient, Geld für die ALS-Forschung einzutreiben. Amyotrophe Lateralsklerose, eine Erkrankung des Nervensystems, unheilbar, führt zu Lähmung und Tod. Ja, ich musste das zuerst googlen, weil ich keine Ahnung hatte. Aber ich denke, die Mehrheit da draussen, die sich todesmutig unter die Eiswasser-Dusche begibt, eben auch nicht. Weil es ihnen scheissegal ist. Denn das ist doch genau das Problem: es stellt doch wohl keiner total selbstlos ein Video von sich ins Internet, weil er dabei nur an die armen ALS-Betroffenen denkt. Es geht doch mal wieder in erster Linie nur um die reine Selbstdarstellung, wie immer, wenn man sein Gesicht irgendwo ins Netz stellt. 
Oh, ob ihr's glaubt oder nicht, ich gebe gerne Geld für den guten Zweck. Und ich zweifle auch nicht daran, dass die Leute, die an dieser "Challenge" (sorry, so eine riesen Herausforderung ist das ja jetzt auch wieder nicht, es wird ja nicht gerade verlangt, einen Bungee Jump von der Staumauer zu machen oder mit Weissen Haien zu schwimmen) mitmachen, ihre 10 Franken oder wieviel an die ALS-Forschung spenden. Die zahlen sicher ein. 
Ich find's nur komisch, dass man das Geld nicht einfach geben kann, OHNE sich in einem Filmchen der gesamten Welt zu zeigen. Und selbst, wenn man sich eben KEINEN Kübel Eiswasser über den Kopf kippt und dann sogar 100 FRANKEN einbezahlt, muss man das noch in einer ellenlangen Aufnahme rechtfertigen. 
"Tue Gutes und sprich darüber" - ja, ich kenne das Sprichwort. Allerdings glaube ich, viele haben das ein bisschen falsch verstanden. Es geht hier mal nicht um seine eigene Person, Himmel nochmal! Man soll nicht wohltätig sein und sich dann vor allen anderen aufplustern, um zu  zeigen, wie toll und selbstlos man ist. Man soll wohltätig sein und die anderen dazu animieren, es ihnen gleich zu tun.
Das geht heute natürlich viel einfacher als früher, alle haben Internet, Facebook, whatsapp und Co. Aber ich finde es tieftraurig, dass man sein Portemonnaie offenbar erst dann öffnet, wenn man selber auch noch was davon hat, sprich, sich auch noch in Szene setzen kann. Hätte die ALS-Stiftung einfach einen Hilferuf vermailt, so im Stil: "Hallo, wir brauchen dringend Geld, um den Kranken zu helfen", dann hätte natürlich keine Sau gespendet.
Immer dieser scheiss Hedonismus überall! ALS ist verdammt nochmal eine Krankheit, die für die Betroffenen und ihre Angehörigen viel Leid bedeutet! Ich weiss also nicht, warum man da noch Spass haben soll, wenn man ein bisschen dazu beiträgt, dass vielleicht mal eine Heilung gefunden werden kann. "Haha, mir friert das Gesicht ein bei diesem Eiswasser, haha, ich seh aus wie ein begossener Pudel so pitschnass, haha." BITTE!!
Starten wir doch gleich auch noch eine Spendenaktion für die Opfer der Terrormiliz IS im Irak und Syrien und zahlen 10 Franken ein, wenn wir einmal nackt durch ein Altersheim rennen! 100 Franken, wenn wir die Kleider anbehalten! Wow, Spenden ist so cool, yeah, ich tu was gegen das Gemetzel in der Welt und bin dabei noch total funny, super!!
Ok, klar, der nerdige Bill Gates entlockt auch mir ein Schmunzeln, wenn er am Strick seiner sperrigen Eiswasserkübel-Maschine zieht. Aber das Ganze wäre noch viiiiieeeeelll lustiger, wäre er einfach SO mal auf die Idee gekommen, einfach, um die Internet-Community mal ein bisschen zu amüsieren, und nicht, weil er es tun MUSSTE, weil er dazu nominiert wurde und es ums Spenden geht. 

Ich habe mir überlegt, jetzt einfach auch 100 Franken an die ALS-Forschung zu spenden, ohne Eisdusche und ohne Video im Internet. Aber dann habe ich mich umentschieden: nein, die ALS-Forschung bekommt vorerst kein Geld von mir. Nicht, weil ich es nicht für nötig halte. Mehr, weil mir diese Ice Bucket Challenge die Lust verdorben hat. Ich spende jetzt lieber an andere Bedürftige, andere Hilfsorganisationen (es gibt tatsächlich noch andere schlimme Sachen auf dieser Welt als nur ALS, im Fall, auch wenn das Internet uns gerade was anderes glauben macht!). Und den Kübel Eiswasser giesse ich nicht mir über die Birne, sondern all denen, die mir zur Zeit ganz mächtig auf den Sack gehen. Damit ihnen das Gehirn noch ganz einfriert.

Sonntag, 31. August 2014

10 Im Zug mit dem gemeinen Taschen-Nazi

Es ist ja nunmal so: Zürich ist nicht die Welt. Und ab und zu muss man auch mal raus aus dieser Stadt. Ich zum Beispiel in schöner Regelmässigkeit. Will heissen, ich bin Pendlerin. 

Das ist nicht immer einfach. Wer pendelt, braucht einen Zacken mehr Geduld, Nerven und Toleranz als jemand, der nur in seinem Auto oder auf dem Velo unterwegs ist. Denn ein Pendler kommt selten allein. Und so muss man sich in Zug und Bus wohl oder übel miteinander abfinden, auch wenn man grad soooo keinen Bock auf andere Menschen hat.
Die Liste, mit was man sich gegenseitig im ÖV auf die Palme bringen kann, ist unendlich lang. Stinkige Kebabs essen, ins Handy schreien, dem ganzen Waggon seinen Musikgeschmack aufzwingen, unbedingt seine Jacke am Haken über dem Fenster aufhängen wollen - nein, ich fange gar nicht erst an, alles schon gehört!!
Aber es gibt EINE Spezies von Pendlern, die in den Pendler-Dissereien immer wieder untergeht, obwohl sie eigentlich weit verbreitet ist, und der ich mich deshalb hier einmal persönlich widmen möchte:

Dem gemeinen Taschen-Nazi.

Ja, das ist DIE Person (männlich oder weiblich, beide Geschlechter sind ungefähr gleichermassen vertreten), die in Zug und Bus ihr Gepäck immer auf einem eigenen Sitz abstellt. Wohlgemerkt zu Stosszeiten.
Die das Gefühl hat, dass die anderen Pendler, die am Feierabend genau so wie sie totmüde und genervt von der Arbeit kommen, gerne irgendwo vor der Zugstoilette oder halb auf dem Trittbrett stehenbleiben, damit der Rucksack, der Aktenkoffer und die Handtasche schön bequem am Fenster sitzen können.
Ja, für den gemeinen Taschen-Nazi ist das geliebte Gepäckstück nämlich total VIP und so wichtig, dass es auch ohne SBB-Ticket das unanfechtbare Recht auf einen Sitzplatz hat.

Der gemeine Taschen-Nazi (ja, der Name ist hart, aber es fällt mir kein passenderer ein) sagt das alles natürlich nicht wortwörtlich, sondern lässt es seine Mit-Pendler mit einem kurzen, aber mordsmässig affektierten Blick wissen, wenn diese ihren Anspruch auf den vom Gepäck besetzten Sessel geltend machen. Es ist so ein Blick, der besagt: "Du bist doch so ein riesen Birewichser, meine Tasche ist im Fall viel geiler als du und hat den weniger breiten Arsch!! Und das, was da drin ist, hat mehr wert als dein gesamtes Leben!!"
Natürlich stellt der Taschen-Nazi sein gutes Stück auch immer gezielt auf den Fensterplatz, damit der nachfolgende Pendler auch ja total umständlich über seine Knie steigen muss (die der Nazi selbstverständlich kein bisschen einzieht, geschweige denn, dass er kurz aufsteht oder selbst ans Fenster rutscht, um es allen Beteiligten leichter zu machen) und sich so bei sämtlichen Sitznachbarn grad mal mächtig unbeliebt macht.

Wieso macht der gemeine Taschen-Nazi all das?

Nun, meine eingängige, jahrelange Analyse hat ergeben, dass er einfach ein höchst asoziales Individuum ist und mit dem Placieren seines Gepäcks auf dem Sitz neben sich signalisieren möchte: ich habe keinen Bock auf Nachbarschaft! Kommt mir ja nicht zu nahe!
Ausserdem leidet er unter einem akuten Objekt-Fetischismus, denn die Gesellschaft eines dreckigen Rucksacks, einer Migros-Papiertüte oder eines Rollköfferchens ist ihm tatsächlich angenehmer als die eines Menschen aus Fleisch und Blut.

Nun, diese Abscheu ist selbstverständlich gegenseitig, denn auch keiner der anderen Pendler hat Bock auf einen Taschen-Nazi in seiner Nähe. So geht man dieser unappetitlichen Spezies liebend gerne aus dem Weg und dann ist auch alles gut -  doch leider ist das mit dem Ausweichen in einem vollgepackten Zug oder Bus etwas schwierig. Und deshalb muss in dieser Situation halt auch mal der hinterletzte Homophobiker und Arschloch-Egoist ein bisschen über seinen Schatten springen und akzeptieren, dass die ÖV nicht nur für ihn fahren und er nicht mehr für das Billett bezahlt hat als alle anderen auch.

Der gemeine Taschen-Nazi. Wie begegnet man ihm am besten?

Auf keinen Fall mit Groll oder einer lauten Stimme. Denn das könnte seinen Frust noch mehr verstärken und man verschwendet nur seine Energie. Am besten nähert man sich ihm mit einem entwaffnenden, freundlichen Lächeln, zeigt auf seine Tasche auf dem Fensterplatz und fragt in seinem höflichsten Tonfall: "Ist da noch frei?" Das nimmt dem Taschen-Nazi in den meisten Fällen den Wind aus den Segeln, denn Anstand kennt er von sich selber ja nicht so gut, deshalb ist er ganz überrascht von so viel menschlicher Zuneigung und kann sich gar nicht wehren. Nach meiner Erfahrung überlässt er den Pendlern dann in 99 Prozent der Fälle seinen Taschen-Platz.

Von dem her ist der gemeine Taschen-Nazi für den tagtäglichen Pendler zwar ein unglaublich nerviges, aber eigentlich nicht das schlimmste Übel (auch wenn man der einen oder anderen Ausgabe der Spezies auch einfach mal gerne ihr scheiss Gepäck um die Ohren hauen würde). Denn ein Kebab schmatzender Assi wird seine Leckerei kaum wieder einpacken, wenn man ihn ganz höflich auf den üblen Geruch und die widerlichen Geräusche aus seinem Mund hinweist.





 


Dienstag, 19. August 2014

9 My very own Selfiegate

Ok, so viel hab ich in den letzten Wochen mal wieder gelernt: man soll keine Nackt-Fotos von sich verschicken, wenn man sich nicht seine Karriere und sein soziales Ansehen ruinieren will. Schon gar keine, die im Hintergrund den Arbeitsplatz zeigen, denn kein Arbeitgeber möchte ungefragt mit nackten Geschlechtsteilen in Verbindung gebracht werden, iiiiiiiiihhh! Nackt = unmoralisch = inkompetent, ganz klar.
Also, jedenfalls soll man das nicht machen, wenn man eine Machtposition besetzt und von öffentlichem Interesse ist. Oder wenn man dort arbeitet, wo sich die Mächtigen und öffentlich Interessanten bewegen. Und schon gar nicht, wenn man eine Visage hat, die fast jeder im Land kennt. Denn dann kommt man sofort in der Zeitung und im Schweizer Fernsehen im "Club" und muss sich rechtfertigen, warum man halt neben dem Pflichtbewusstsein gegenüber dem Volk auch noch so andere, stärkere Triebe hat, gegen die man sich im Sturm der Hormone nicht immer wehren kann. Die dazu führen, dass man sich neben dem festen Lebenspartner  halt heimlich auch noch ein paar Sex-Chats hält und sich hin und wieder zu so Sachen hinreissen lässt, die man nicht wie im Nationalratssaal mitgeschnitten haben möchte. Also, kurz zusammengefasst, man muss plausibel darstellen können, warum man ein normaler schwanz- oder muschigesteuerter Mensch ist. Und alle kucken zu. 
Ja, das ist ziemlich unangenehm, wenn nicht sogar einfach scheisse.
Aber das passiert ja zum Glück nur, wenn man wichtig und berühmt ist.  Denn, wenn keine Sau weiss, wer ich bin und ich kein öffentliches Mandat innehabe, für das mir die Bevölkerung ihr Vertrauen ausgesprochen hat, dann darf ich meinen nackten Körper ungeschoren in der ganzen  Weltgeschichte rumschicken.

Oder?
Ich opfere mich und mache die Probe aufs Exempel. Denn schliesslich kennt mich keine Sau und ich mache auch keine Politik und keine Kopien im Bundeshaus - kurz, ich bin ein Niemand.
Ich schiesse also mit meinem iphone ein Nackt-Selfie mit Duckface, dabei liege ich auf meinem Bürotisch, im Hintergrund sieht man das Firmenlogo. Und das schicke ich dann diesem Typen, der garantiert nicht mein fester Freund ist, aber das weiss niemand. 
Der freut sich über das heisse whatsapp und lacht und wahrscheinlich kuckt er es sich regelmässig an vor dem Einschlafen. Ansonsten passiert aber nichts. 
Ich erhöhe also den Druck und sag dem Typen, ich würde unsere Sexting-Affäre beenden, er solle doch bitte alle Bilder von mir löschen. Da kriegt er voll die Krise und weigert sich und droht mir, meine brisanten Selfies auf Facebook zu veröffentlichen. Als ich hart bleibe, macht er es tatsächlich, und so erscheine ich also wie Gott mich schuf auf der Timeline, sichtbar für alle seine 867 Friends und meine grad auch, denn er hat das Foto mit meinem Namen getagged. Ziemlich bald häufen sich  die Likes und Comments unter dem Bild, zum Beispiel: "Haha, einfach zuuuuuu geil!! :-))" oder "Du bisch son e Sau!!!" oder "Nicht schlecht, Frau Bitterbös" oder einfach  nur "Ui, neeeiiii!!" Und wir beide, die Ex-Affäre und ich, bekommen ein paar neue Friends-Anfragen, während auch ein paar alte Friends sich defrienden von uns. 
Irgendwann reagiert schliesslich Zuckerberg und löscht mein nacktes Ich, weil es nämlich pornografisch ist und somit nicht in die Philosophie von Facebook passt. 
Aber da haben es natürlich schon längst meine Arbeitskollegen gesehen, und es wird herumgereicht, bis es irgendwann der halben Firma bekannt ist. Mein Chef zitiert mich in sein Büro und sagt mir, das Ganze sei zwar meine Privatsache, aber nicht mit dem Firmenlogo hinten drauf. Ich könne mich also weiterhin nackt im Internet verbreiten, so viel ich wolle, solle mir für die Fotos aber gefälligst eine andere Location suchen. 
Wenn ich arbeiten komme, werde ich von den Frauen schief angekuckt oder hinter vorgehaltener Hand ausgelacht, während viele meiner männlichen Arbeitskollegen mit einem vielsagenden Grinsen an mir vorbeigehen und der eine oder andere mir sogar zuzwinkert. Klar, ich muss beim Kopierer und in der Kantine jedem Auskunft geben, ob ich mich denn nicht schämen würde und wie das nur habe passieren können. Das nervt, und ja, es ist mir peinlich, dass so einige Mitarbeiter in meiner Firma mein Nackt-Selfie jetzt heimlich als Bildschirm-Hintergrund haben. Dass sie jetzt wissen, wie ich ohne Kleider aussehe, wie gross mein Busen ist und wie das "da unten" genau aussieht. Wahrscheinlich haben sie in der gemischten Sauna schon viel mehr zu sehen gekriegt, aber trotzdem. Es ist ungerecht, weil nur SIE wissen wie ICH nackt aussehe und nicht umgekehrt. Sie haben mir deshalb etwas voraus und lassen mich das auch spüren, mit Spott und Häme. Arschlöcher!!

Nach ein paar Wochen ist der Spuk allerdings vorbei. Irgendwann hat auch der Hinterletzte das Foto tausendmal gesehen und es wird langsam langweilig. Nach einem Monat spricht in der Firma kaum mehr einer darüber, und auch privat und über die Social Media bekomme ich keine aufgeregten, schockierten oder angewiderten Mitteilungen mehr. Langsam kehrt der Alltag wieder ein, so wie er war, bevor mein Nackt-Selfie an die Öffentlichkeit gelangte. 
Anders als mein direktes und indirektes Umfeld haben sich die Medien die ganze Zeit einen Dreck um die ganze Geschichte geschert. Eine nackte unbekannte Züri-Tussi mehr oder weniger - who cares? ?
Meinen Job hab ich auch immer noch, trotz der Schelte meines Chefs. Meinen Freund bin ich dafür los.
Meine Mitarbeiter, meine Freunde, Familie und die Kassierer bei mir im Coop um die Ecke behandeln mich wieder ganz normal, ohne sich bei meinem Anblick gleich fremd zu schämen oder nervös rum zu kichern.
Und ich bin einfach wieder die Bitterbös und nicht die "Weisch, die Blutt deet vom Internet". 

Ok, ich hab gelogen: Der Nackt-Selfie-Selftest war nur erfunden (Freund und Affäre übrigens auch).  HAHA, voll reingefallen!!! 
Nein, aber ungefähr so stell ich mir das vor, würde ich ihn denn wirklich durchführen. 
Denn es ist doch einfach so: von mir und den meisten von euch da draussen erwartet niemand, dass wir perfekte Menschen sind. Von Politikern, Wirtschaftsbossen und sonstigen Machtmenschen aber schon. Das ist wohl auch nachvollziehbar, denn sie halten die wichtigsten Zügel in ihren Händen und entscheiden über vieles, das uns alle betrifft. In Wahlen, als Kunden und durch den Kauf von Aktien haben wir ihnen unser Vertrauen ausgesprochen. Insofern dürfen wir an diese Leute auch gewisse Ansprüche stellen, logisch. 
Aber nur, weil jemand seine Geschlechtsteile in der Öffentlichkeit zeigt, heisst das ja noch nicht, dass er seine Arbeit schlecht macht. 
Es heisst einfach nur, dass er ein bisschen dumm ist, naiv und seinen Hormonen ausgeliefert - ein normaler Mensch halt. Was soll ich da einen Shitstorm starten? "Boah, Politiker und Bundeshaussekretärinnen sind tatsächlich reale Menschen, wääääähhhhhh!!!"??
Glaub nicht.
Erst wenn jemand sein Schnäbi oder seinen unechten Busen seiner eigentlichen Pflicht, dem Land und dem Volk zu dienen oder einfach seine verdammte Arbeit gut zu machen, vorzieht, wenn er lügt und seine Machtposition missbraucht - dann hab ich echt ein Problem.

Montag, 4. August 2014

8 Die harte Lektion der Arschlochbakterien

Ich war eine Zeit lang weg, habt ihr's bemerkt? Habt ihr euch schon gefreut? Nun, sorry, aber ich lebe noch - also, glaub ich jedenfalls.

Denn der Grund für meine Abwesenheit waren Bakterien. So richtig fiese. Arschlochbakterien halt. Ja, ich war krank, und zwar so richtig. Nicht hier ein bisschen Grippe oder Magen-Darm, ich war richtig, RICHTIG beschissen dran, so beschissen wie schon x Jahre nicht mehr in meinem Leben. Ich war so krank, dass ich mich nicht mal mehr darüber beschweren konnte. 
Und das will was heissen. 
Meine ganzen Alltagsproblemchen, meine Sörgelchen, meine Aufregerchen gerieten in den Hintergrund, weil es nur noch einen einzigen Fokus für mich gab: ich muss gesund werden. Sofort.

Aber jeder, der schon mal richtig doll krank war, oder einen Unfall hatte oder so, der weiss: sofort ist nicht. Gut Ding will Weile haben, und der Körper nimmt sich halt so seine Zeit, bis er sich wieder hergestellt hat. 

Also lag ich so total ungeduldig im Spital, mit meinem Fieber, meinen Schmerzen und meinem riesigen Anschiss. Und viel mehr als Liegen war auch nicht, grad das blühende Leben war ich ja nicht grad. Die meiste Zeit hoffte ich einfach, alle viere ausgestreckt auf dem Spitalbett: "Sterbt, ihr scheiss Bakterien, sterbt endlich!!" Und das brauchte schon meine ganze verbleibende Kraft. Aber von Erholen konnte keine Rede sein, wenn man irgendwelche Schläuche hat, die einem aus dem Handgelenk baumeln und an einer Flasche an einem Metallgestell enden. 
Das doofe Gestell. Es hat mir sämtliche Nächte ruiniert, sowie sämtliche Gänge aufs WC oder in die Spital-Cafeteria. Ich fühlte mich noch nie so verfolgt. Überall hin musste ich diesen dämlichen "Baum" mitschieben, und jedes Mal schaffte ich es mit meiner Schusseligkeit auch, mich in den Schläuchen zu verheddern. Noch nie in meinem Leben hatte ich mir sooo sehr die Einsamkeit  herbeigewünscht, mein ständiger Begleiter ging mir sowas von auf den Sack. 
Und wäre das nicht schon nervig genug, sorgten auch noch Ärzte und Pflegerinnen dafür, dass ich bestimmt keine Ruhe finden konnte. Die Tür in mein Vierer-Zimmer (scheiss Allgemein-Versicherung!!) ging ganz bestimmt zehnmal pro Stunde auf, und immer kam irgendwer rein, der mir Fieber messen, den Blutdruck nehmen (als ich die Zahlen auf dem Gerät sah, musste ich mich zuerst kneifen, um sicherzugehen, dass ich noch lebte) oder irgendwelche Spritzen und Pillen verabreichen wollte. Versteht mich nicht falsch, das Spital-Personal war fantastisch, sehr nett, kompetent und witzig. Und sie machten einfach ihren Job. Trotzdem konnte ich mich nie entspannen, auch, weil ich das Zimmer mit sehr heftigen Schnarcherinnen teilen musste. Und drum hielt sich meine Genesung auch in Grenzen. Zum Glück sahen das die Ärzte nach ein paar Tagen auch ein, und ich wurde aus dem Spital entlassen, damit ich in endlich Ruhe bei mir zu Hause vor mich hinsiechen konnte. 
Dort nahm ich dann auch brav meine Antibiotika weiter, damit die Arschlochbakterien auch ja alle schön VERRECKTEN! Ehrlich gesagt glaube ich, dass dabei auch Dinge im Körper gekillt werden, die eigentlich am Leben bleiben sollten, denn sobald die alten Leiden verschwanden, kamen neue hinzu. Juckreiz an den unmöglichsten Stellen, Schwindel, keine Energie für gar nichts, sämtliche Muskeln verspannt und das Schlimmste: Depressivität und wahnsinnige Genervtheit. 
Ich heulte also jeden Tag 239420mal, ohne Grund. Wenn im Fernsehen die Tagesschau lief, wenn ich denn Kühlschrank aufmachte, wenn ich ein whatsapp schrieb oder mir die Zähne putzte. Immer liefen mir die Tränen runter. Dazu kam mein superdünnes Nervenkostüm. Liess ich mal den Schlüsselbund fallen, fluchte ich schon wie eine alte Puffmutter. Ich konnte mich auch gar nie entscheiden, was ich essen wollte (als ich endlich wieder essen konnte und nicht mehr dauernd am Kotzen war), und das machte mich jedes Mal so wütend, dass irgendein Gegenstand an die Wand flog. UN. AUS. STEH. LICH. Ich geb's ja zu.

Anyway, das alles hat mir zu denken gegeben. Was gibt es Schlimmeres, als wenn der Körper nicht mehr so kann, wie man selber will? Wenn es mir so mies geht, dass ich mich echt nicht mal mehr bitterbös über die Nebensächlichkeiten eines Züri-Tussi-Lebens aufregen kann?
HORROR!!
Gesundheit ist alles, und weil ich ja sonst eigentlich immer gesund bin, muss man mir das wohl ab und zu wieder mal ins Gedächtnis rufen. Und zwar schmerzlich. Aber meine Bakterien waren Pipifax verglichen mit dem, was ich alles im Spital gesehen habe. Und auch, wenn ich echt sauer bin auf den, die oder das, der/die/das mir diese scheiss Krankheit eingebrockt hat und ich das nächste Mal viel lieber lebendig durch einen Fleischwolf gedreht werden will, als noch einmal diesen Mist durchstehen zu müssen - ich bin dankbar, durfte ich wieder gesund werden.

Ich hab die Lektion also wieder mal gelernt und zwar für laaaaaaaaaaaaange Zeit, hoffe ich - bitte!!  So kann ich mich wieder getrost meinen Luxusproblemchen widmen, dem Hedonismus, den social media, den nächsten Ferien, meinem kleinen, egoistischen Leben. Halt alldem, was gesunde Menschen so beschäftigt. 

Und ihr dürft mich von mir aus auch wieder anfeinden, liebe Mit-Zürcherinnen und Mit-Zürcher. 
Es ist mir wirklich ALLES lieber als diese verdammten Arschlochbakterien!

Mittwoch, 16. Juli 2014

7 Mein Ort der Freiheit im Kreis 4

Ich meine, ja, ich liebe Zürich und lebe unglaublich gerne hier. Ich liebe Kleider und Schuhe, meinen Lippenstift und die Wimperntusche, meine Haarprodukte und Hautcrèmes, wie es sich für eine richtige Züri-Tussi eben auch gehört. Geh ich aus dem Haus, dann mach ich was her. Züri-Style.
Aber diese Stadt kann auch brutal anstrengend sein. Dieses ganze Szene-Hipster-Zukki-Hugo-Letten-Ichmacheimfallkunst-Gehabe. Gar nicht so einfach, da mitzuhalten. Ich bin sicher, ich bin nicht die einzige, die regelmässig in Selbstzweifeln versinkt, so à la "Scheisse, ich gehör nicht recht dazu, denn Hugo find ich gruusig und Kunst kann ich nicht und meine Bikini-Figur ist schon lange her!" Und dann fühlt man sich so voll wie der letzte Assi.

Ein typisch zürcherisches Luxus-Problem. Aber nicht verzagen: dagegen gibt es ein Rezept, dass ich selbst ausprobiert und für gut befunden habe (ja, ok, ich hab's ja schliesslich auch selbst kreiert, aber egal): wenn ich mal keinen Bock habe, mich an irgendwelche Vorgaben anzupassen, wenn mir jegliche Hippie-Kacke wieder mal tierisch auf den Geist geht, dann begebe ich mich einfach an den einzigen szenefreien und ehrlichen Ort in dieser Stadt:

Den Coop an der Langstrasse.

Yeah, Baby!!
Nirgends kann man einfach so sich selbst sein wie zwischen Tiefkühlpizza, Frischgemüse und Wattestäbchen im Kreis 4! Denn dort herrscht neutraler Boden. Man muss sich niemandem anpassen, keine Angst haben, man könnte vielleicht aus der Reihe tanzen und sich in kein unbequemes Korsett zwängen. Der UBS-Banker in Anzug und Krawatte kauft im Coop genau so seine Schinken-Sandwich wie der versiffte Junkie sein Sixpack Budget-Bier, der bärtige Szenie sein Sushi und die Prostituierte in den Hotpants ihren Nastüechli-Vorrat. Friedlich stehen sie alle hintereinander in der Schlange vor der Kasse, keiner guckt den anderen komisch an - man guckt höchstens der Prostituierten mal unauffällig in den viel zu tiefen Ausschnitt.

Leben und leben lassen. Gott, das ist so befreiend!! 

Wenn also ausgerechnet an meinem freien Gammel-Tag Kühlschrank und WC-Papier-Rolle mal wieder leer sind, ich aber sooooooowas von zu faul bin um auf Züri-Tussi zu machen, dann weiss ich: Easy! Geh einfach in den Coop an der Langstrasse, musst dich dafür nicht mal anziehen, keine Sache!
Und so setz ich mich dann jeweils in meinen zu kurzen Trainerhosen, dem fleckigen Schlabber-Shirt und ohne Unterwäsche direkt vom Bett aufs Velo. Die Haare hängen mir in verfilzten Strähnen ins Gesicht, welches natürlich weder geschminkt noch gewaschen ist. Wenn es draussen regnet: scheissegal! Soll mir das Wasser doch überall runterlaufen, der nasse Velosattel auf meinem Hintern einen dunklen Fleck wie in die Hose gepisst hinterlassen - hey, ich geh in den Coop an der Langstrasse, so what??!!

Und tatsächlich: wenn ich dann so triefend und mit riesigen Augenringen und einer Frisur wie in die Steckdose gefasst und im Trainer und in meinen eleganten High Heels (das erste paar Schuhe, dass ich nach dem Aufstehen finden konnte) so noch im Halb-Koma in den Laden schlurfe, dann dreht sich niemand nach mir um und fragt sich: "Aus welcher Anstalt ist denn DIE ausgebrochen?". Weil er selber wahrscheinlich gerade noch beschissener aussieht. Oder weil es ihn einfach nicht interessiert. Weil der Coop keine Etikette fordert. Und das Beste am Ganzen: ich selber schäme mich auch nicht. Ich überlege mir keine einzige Sekunde, ob ich over- oder underdressed bin und was jetzt wohl die anderen Leute über mich denken und ob meine Trainerhosen mir einen fetten Arsch machen. Ich überlege mir das alles sonst noch oft, aber nicht im Coop an der Langstrasse. 

Ja, ich fühle mich dort sogar so frei, dass ich manchmal mein Velo nicht mal abschliesse. So sehr glaube ich vor dem Coop an das Gute, das Ursprüngliche im Menschen. Jupp, ich weiss: selber schuld! Es kam deshalb auch schon mal vor, dass mein Velo verschwunden war, als ich mit meiner vollbepackten Papiertasche aus dem Laden kam. Bis jetzt fand ich es aber noch immer wieder. Meist nur ein paar Meter entfernt und im Besitz irgendeines/r Randständigen, der/die mir dann mit Schlafzimmerblick und Alkoholzunge klar machte, dass sei ganz klar sein/ihr Velo, das habe er/sie schliesslich gefunden. Bis jetzt ist es mir zum Glück aber noch immer gelungen, der betreffenden Person beizubringen, dass dem ganz klar nicht nicht so sei. Meinen Einkauf zu Fuss nach Hause tragen musste ich somit noch nie.

Der Coop an der Langstrasse - ich liebe ihn! Wahrscheinlich könnte ich dort auch völlig nackt an die Kasse treten, und der Verkäufer würde mich nur wie sonst auch immer freundlich aber bestimmt darauf hinweisen, dass ich das Körbli doch bitte nicht direkt neben seinen Scanner stellen, sondern lieber auf dem schmalen Simsli davor balancieren soll. 
Herrlich!!
So sein wie man ist, einfach mal ein bisschen Assi, frei von allen Zwängen, das kann man in Zürich wohl wirklich nur in diesem Laden ungestraft. Ich jedenfalls komme jedes Mal besser gelaunt heraus als ich reingegangen bin. Denn bei jedem Einkauf wird mir wieder klar: Hey, du bist hier nicht der einzige Freak! Und vor allem nicht der schlimmste!
Bye bye, Selbsthass! Fuck you, Hippie-Kacke! In your face, Züri-Style!!
Kein anderer Ort in dieser Stadt schafft das bei mir sonst.

Ok, vielleicht noch der Denner an der Langstrasse.




Donnerstag, 3. Juli 2014

6 Irgendeinisch fingt ds Glück eim

Das singen Züri West, aber ich glaube, diese Weisheit stammt nicht von ihnen. Schon meine Grossmutter hat mir immer etwas ähnliches gesagt, damals, wenn sie mich, laut schluchzend an ihren Schoss gepresst, getröstet hat, weil ich mich mit einer Schulfreundin gestritten hatte oder so.  Und wer kennt sie nicht, die lässigen Standardsprüche wie "Du wirsch gseh, es chunnt alles guet, ich weiss es!" oder "Au für dich gaht emal irgendwo es Tüürli uuf!".
Ja, shame on me: auch ich habe das schon zu Leuten gesagt. Dabei kann ich gar nicht hellsehen. Und alle anderen auch nicht.
 
Aber was ist das denn überhaupt, das Glück? Und wie kommt man dazu?
 
Tja, ich weiss es nicht. Das einzige, was ich weiss, ist, ich bin ständig auf der Suche nach etwas Grösserem, Besserem. Dauernd quält mich dieser scheiss Gedanke, dass das doch unmöglich ALLES gewesen sein kann. Dieses Leben, das ich führe. Herrgott, da muss doch noch was anderes kommen!!
Ich bin eine Getriebene, ich kann nicht verharren im Hier und jetzt, ich muss ständig zu irgendwelchen neuen Ufern aufbrechen, und dann wieder zu anderen, und dann nochmals, und in jeder Ecke, unter jedem Stein wühle ich nach dem Sinn meiner Existenz. Wie ein gehetztes Tier eile ich durch die Welt, als sässe mir eine unsichtbare Gefahr im Nacken, und ich renne einfach in Panik immer weiter auf den Horizont zu, in der Hoffnung, dahinter sei etwas - ganz Tolles.
 
Nur eben: WAS DENN, ZUM HENKER NOCHMAL???!!!
Wie gut, dass wenigstens meine besten Freunde, die social media, dafür eine Antwort parat haben. Sie wissen ganz genau, was das Glück ist. Davon darf ich mich jeden Tag überzeugen, wenn ich den Computer aufstarte:
 
Glück ist zum Beispiel Essen.
Deshalb listen auf Facebook auch zahlreiche Gourmets tagtäglich jegliche Zutaten ihres Menus auf, natürlich zusammen mit einem Foto des vollen Tellers.
 
Glück ist Familie.
Oder weshalb sonst erhalten Schnappschüsse von Kind und Kegel (manchmal noch im Mutterbauch) die meisten likes, Herzchen und Kommentare wie "Soooo süüüüüssss!!!" und "Aaaaaaawww...!!"? Wer keinen Nachwuchs zu bieten hat, postet halt seine herzige Katze.
 
Glück sind Ferien. 
Blablabla checked in at Hilton Hotel New York on Foursquare, und dazu grad noch eine Weltkarte mit Pfeil und ein Selfie auf dem Times Square. Läck, der hat's gut, und ich hock hier im Büro! ARSCHLOCH!!
 
Glück ist Liebe.
Oder warum geben sonst alle ihren Beziehungsstatus im Online-Profil an? Im Profil-Fötteli ist der Partner oder die Partnerin dann meist auch noch grad mit drauf, weil Alleinsein ist ja eben scheisse. Individualität offenbar auch.
 
Glück ist Erfolg.
Wow, was ich doch für überaus kluge, toughe und sanierte Friends habe. Erstens hocken sie ja dauernd in den Ferien, da muss also schon mal Kohle vorhanden sein. Zweitens sind sie echt gefragt und beschäftigt, schliesslich verkünden sie ja jeden Tag "Auf dem Weg zur Arbeit", "Meeting time" oder "... ist stolz: erster Beitrag online!" Drittens können sämtliche Journalisten BR, Doktoren der Pädagogik und selbsternannten Kunstkritiker das Geschehen auf der Welt ihrem Fachgebiet entsprechend immer so treffend und vor allem unaufgefordert analysieren. Da vergisst man doch glatt, dass man auf Facebook oder Twitter ist und nicht im "Club" des Schweizer Fernsehens!
 
Glück ist die WM.
Wie da immer bei den Spielen mitgefiebert wird!! Und diese Selfies mit dem Schweizerkreuz auf der Backe, dem Tifosi-Shirt am Leib oder der Kolumbien-Flagge am Auto! Grossartig, wie man sich doch beim Fussball immer wieder auf seine Wurzeln besinnt und mit seinen "Landsleuten", die auf dem Rasen dem Ball hinterherrennen, mitfiebern kann! Und wie einen das auf wundersame Weise auch noch zu einem guten Menschen macht, weil einem doch plötzlich bewusst wird, dass es in diesem Brasilien unten ja nicht nur Sport gibt und neue Stadien, sondern auch ganz viele ganz arme Strassenkinder und bedrohte Fischarten im Amazonas. Und dann schickt man während dem Fussball-Kucken vor dem Fernseher einfach noch schnell ganz bequem ein paar Spenden-SMS an eine Hilfsorganisation  und fühlt sich super, weil man ja jetzt neben dem ganzen WM-Gedöns auch noch etwas wirklich Wohltätiges gemacht hat.
Also, wenn DAS nicht das Glück ist, dann weiss ich aber auch nicht!!!!
 
Dumm nur: da kann ich überall nicht mithalten.
Ich habe keine Kinder, keinen Mann in meinem Profilbild, nicht mal eine Katze, keine Essstörung (ämel keine, zu der ich öffentlich stehen würde), Fussball interessiert mich nicht und gespendet hab ich auch nicht.
Gut, Reisen immerhin, das tu ich doch regelmässig, da bin ich voll dabei, yeah! Ok, dann müsste ich also tatsächlich mega glücklich sein, sagt Facebook.
Hmmm...
Also...
Böh??
Aber wahrscheinlich bin ich ja dann auch nur glücklich, wenn ich eben gerade auf Reisen BIN, und das bin ich ja jetzt gerade nicht - nein,  ich hock zu Hause vor meinem verdammten Computer und tippe das hier ein. Und das kann doch VERDAMMT NOCHMAL einfach nicht alles gewesen sein, oder????!!!!
 
Warum also ist jeder um mich herum so unglaublich fucking GLÜCKLICH, nur ICH nicht???!!!
 
Ok, jetzt bloss nicht verzweifeln!
Social media alle wegklicken. So.
Ich darf wohl einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Und mich vor allem nicht verkrampfen. Nicht suchen, einfach alles geschehen lassen. Denn diese Sprüche können doch nicht von ungefähr kommen, das kann nicht alles bloss erfunden sein, Züri West und mein Grossmami müssen doch irgendwo den Beweis dafür gesehen haben (und es war totsicher nicht auf Facebook, Instagram oder Twitter): Irgendwann ist es einfach da. Irgendwann geht eine Türe auf. Dann ist alles gut.
 
Irgendeinisch fingt ds Glück eim
Irgendwenn weisch wär d' bisch
Irgendwenn weisch genau wo de häre ghörsch
 
WEHE, wenn nicht!!!!

Freitag, 27. Juni 2014

5 Wie smarte Katzen Generationen verbinden

Woran merkt man, dass seine Eltern alt sind? Daran, dass sie sich mit 70 plötzlich noch ein Smartphone kaufen wollen. Und dies, nachdem sie sich erst vor etwa 7 Jahren ein Nokia der ersten Generation zugelegt haben (und dieses seit da auch nie ausgewechselt wurde). Zum ersten Mal ein Smartphone in den Händen am Lebensabend, während heute die Kinder schon iphones zur Einschulung geschenkt kriegen - jupp, Eltern stammen tatsächlich aus einer ganz anderen Generation, aus einer, die näher bei den alten Römern zu liegen scheint als im 20. Jahrhundert. 

Also, MEINE Eltern jedenfalls. Meine MUTTER, muss ich präzisieren, mein Vater scheint sogar noch in der Steinzeit geboren zu sein, denn er hält jegliche Handys, smart oder nicht, für überflüssig. Meine Mutter aber hat sich jetzt nach langem Ringen und Bangen dazu entschlossen, auf ein Smartphone umzusteigen. Ich muss dabei zugeben: ich bin nicht ganz unschuldig an dieser Idee. Ich habe sie sozusagen sanft darauf gestossen, so mit Bemerkungen wie: "Hättest du ein Smartphone, hätte ich dir das Filmli auch schicken können!" und: "Ich kann dir nicht immer SMS aus dem Ausland schreiben, das ist sauteuer. Hättest du Whatsapp, könnten wir über wlan gratis chatten!"
Ok, Whatsapp, wlan, chatten - das sind Begriffe, mit der meine Mutter ohne Erklärung nicht viel anfangen kann. Nicht, weil sie dumm wäre. Sie hat einfach null Bezug zur modernen Informationstechnik. All ihre Freunde rufen sie noch ganz altmodisch an und schicken keine E-Mails. Niemand aus ihrem Umfeld (ausser ihre Kinder) sind auf Facebook. Sie hat in ihrem Beruf nie einen Computer gebraucht, und damals in der Schule hat sie ihre Vorträge noch mit Skizzen auf der Wandtafel gehalten und nicht via ipad.
Trotzdem bekommt sie natürlich mit, wie die halbe Bevölkerung um sie herum ständig auf ihren kleinen Bildschirmen rumhämmert, sich über Bilder und Videos freut und mal schnell im Bus noch das Protokoll des letzten Meetings verschickt. Und da war sie schon immer ein bisschen neidisch. Aber jahrelang meinte sie nur seufzend, sie hätte ja schon auch gerne dieses Whats-dings da, aber Internet auf einem Handy, das brauche sie jetzt doch wirklich nicht. Nach sehr viel Überzeugungsarbeit meinerseits konnte sie dann aber endlich doch noch akzeptieren, dass Internet ja eben genau der WITZ an einem Smartphone ist, und so gehen wir also in den Swisscom-Shop.

Zuerst ein neues Gerät aussuchen. Sie wolle kein teures, sie komme ja eh nicht draus, meint meine Mutter stirnrunzelnd vor der Auslage. Sie steht jeweils mit 2 Metern Abstand vor den ausgestellten Smartphones, so als hätte sie ein bisschen Angst vor ihnen.
"Du musst sie anfassen und ausprobieren, sonst findest du doch nie raus, welches dir liegt", dränge ich sie.
"Ui nein, ich mache sicher was kaputt!" Wie gesagt, ihre Generation traut moderner Technik nicht. Sie stellt sich auch vehement gegen ein Iphone. Wahrscheinlich, weil ICH eins habe. Wenn die Tochter, die halb so alt ist wie sie, mit einem Iphone hantiert, dann muss das doch eine wahnsinnig komplizierte Maschine sein, scheint meine Mutter wohl zu denken. Gut, am Ende entscheiden wir uns für Android - ja, WIR, denn ich muss sie einmal mehr ein bisschen zu ihrem Glück zwingen.

Nun aber das erste Problem: sie hat noch wichtige Fotos auf ihrem Uralt-Knebel, die sollen natürlich nicht verloren gehen. Darunter Porträts unseres geliebten Familien-Büsis, das schon irgendwie 10 Jahre tot ist, aber in der Erinnerung immer noch mehr als lebendig. Gut, ich schicke mir die Fotos also auf mein Iphone, um sie meiner Mutter später wieder auf ihr neues Smartphone zu schicken (Kompliziert? Kompliziert!). Der Swisscom-Mann wartet geduldig. Dann rettet er noch alle ihre gespeicherten Kontakte auf das neue Handy hinüber (nach den Fotos die zweitgrösste Verlustangst meiner Mutter) und schneidet ihre SIM-Card für das neue Gerät zurecht. Auch ihr Handyvertrag von anno dazumals wird an die Neuzeit angepasst. Es gibt kein Zurück mehr. Meine Mutter zahlt, noch ein bisschen zögerlich.
Super, wir verlassen mit dem Päckchen den Shop und steuern auf das nächste Café zu.
Schliesslich muss ich meiner Mutter das Smartphone ja jetzt noch einrichten.
"Also, ich mach dir als erstes ein Google+-Account."
"??"
"Egal, das musst du nie benutzen, merk dir einfach das Passwort, denn das brauchst du, wenn du Apps herunterladen willst und so."
"Aber ich will doch nur dieses Whats-dings da!"
"Sicher. Kuck, da ist es!"
Ich schiesse mit dem neuen Smartphone ein Bild meiner Mutter und füge es in ihr Whatsapp-Profil ein. Sie ist schockiert.
"Nimm das sofort wieder raus!!! Das ist ja grauenhaft!! Sehen das die anderen jetzt auch??"
"Klar."
"UM GOTTES WILLEN!!! Setz doch stattdessen lieber ein Foto der Katze ein oder so!"
Ich versuche es, aber als Iphone-Jüngerin habe ich keine Ahnung von Android, und auch nach 23 Versuchen kann ich das Profilbild nicht ändern. Meine Mutter muss leider vorerst damit leben. Sie bekommt fast einen Herzinfarkt, in der Überzeugung, dank dem grossen, bösen Internet sieht jetzt die gesamte Welt ihr vermeintlich unvorteilhaftes Porträt.

Nach einiger Zeit haben wir beide das Android ein bisschen im Griff. Jetzt geht es ums Üben. So, wie sie mir damals das Velofahren beigebracht hat, bringe ich meiner Mutter nun das Smartphone bei. Und so, wie sie damals, habe ich heute wohl den selben Gedanken: scheisse, das ist ja schwieriger, als einem Krokodil das Singen zu unterrichten!!
"Ok, Übung Nummer 1: du schickst mir per Whatsapp ein Foto und schreibst etwas dazu."
Sie verzweifelt fast, denn ihre Finger und vor allem die manikürierten, langen Fingernägel sind noch nicht an eine digitale Tastatur gewöhnt. Sie vertippt sich dauernd, löscht das Geschriebene wieder oder schliesst dank eines falschen Handgriffs das gesamte Programm. Nach einer gefühlten Ewigkeit treffen aber Foto und Text auf meinem Iphone ein.
"Ok, nächste Übung: du schreibst mir eine Mail."
Meine Mutter staunt, wieviel Werbung sich in ihrem Posteingang angesammelt hat, da sie den am Computer ja nie checkt. Jetzt mit dem neuen Handy wird das hoffentlich anders und ich kriege auch mal eine Antwort auf meine Post an sie.
Zuerst schmeisst sie das Ding aber fast wieder an eine Wand, so sehr nervt sie die ewige Vertipperei. Wir machen also ein paar Fingerlockerungs-Übungen, damit sie nicht immer so auf die Tasten einhaut, als müsse sie imaginäre Ameisen töten. Und ich zeige meiner Mutter, dass man ein Smartphone auch easy mit EINER Hand bedienen kann, man muss den Daumen nur richtig einsetzen - und vor allem SANFT, es gibt hier keine Knöpfe mehr, die man bis zum Anschlag runterdrücken muss.
Irgendwann erhalte ich dann auch die Mail. Noch mit einigen Schreibfehlern, aber egal.

Meine Mutter ist glücklich. Sie freut sich nun wie ein Kind, wenn ihr jemand lustige Videos und Bildli whatsappt (JA, ich kenne dieses Gefühl!). Und ihr Profilbild zeigt jetzt auch tatsächlich unsere Katze selig. Wir schicken uns nun dauernd irgendwelche stupiden Dinge hin und her. Und wenn sie es geschafft hat, eines davon zu speichern, dann schreibt sie mir das gleich voller Stolz - immer mit einiger Verzögerung, weil eben, das digitale Tippen dauert halt noch ein bisschen... Aber es macht ihr Spass. Ok, immer mal wieder holen sie ihre alten Ängste ein: "Gell, ich hab jetzt aber nichts kaputt gemacht?? Und gell, wenn ich da draufdrücke, dann ist das aber gratis, oder??" Aber bis jetzt konnte ich sie immer wieder ziemlich schnell beruhigen.
Wir fühlen uns glaube ich jetzt noch ein bisschen näher als sonst schon als Mutter und Tochter. Ich meine, sie ist doppelt so alt wie ich, aber wir haben nun je ein Handy derselben Generation. Das verbindet.

Übrigens: die Büsi-Fotos, die ich mir von ihrem alten Handy geschickt habe, sind leider nie angekommen. Das Steinzeit-Nokia meiner Mutter war mit meinem hippen Iphone 5 wohl einfach ein bisschen überfordert. Aber das Nokia existiert ja zum Glück noch: Steinzeit-Papi hat es übernommen.



 



Dienstag, 17. Juni 2014

4 Die WM aus der Sicht einer Ball-Proletin

Jep, auch ich springe noch auf den WM-Zug auf, also, so rein textuell, jedenfalls. Sorry! Nicht grade einfallsreich, ich weiss, aber es führt zur Zeit einfach kein Weg am ach so wichtigen Fussball-Grossanlass in Übersee vorbei, was soll ich da also etwa über Lieblingsessen oder -Sex-Stellungen schreiben - interessiert ja grad keine Sau!
 
Damit wir das gleich am Anfang geklärt haben: Ich habe keine Ahnung von Fussball. Ich kenne kaum die Regeln, und eigentlich ist mir auch scheissegal, wer gewinnt und wer verliert. Ausserdem finde ich Bier kotzgruusig und esse keine Bratwürste, da Flexitarierin. 
Aber ich bin Voyeurin und vertiefe mich liebend gerne in soziale Studien - und wo kann ich diesen Leidenschaften wohl am allerbesten fröhnen? Genau, in Public Viewings!  Damit ist auch für eine Ball-Proletin wie mich klar, was sie bis Mitte Juli am Feierabend macht: WM glotzen.
Ich wohne gäbigerweise auch grad inmitten des grössten Zürcher Public Viewings, nämlich im Kreis 4. Wo man dort auch hinkommt, an jeder Ecke Freiluft-Bildschirme, Flaggen, ein paar Tische und Bänke und eine Gruppe Menschen in bunten, nummerierten T-Shirts. Da kann ich mir also jeden Tag einen neuen Aufenthaltsort aussuchen. Oder mich einfach mitten auf die Langstrasse stellen und mich wie in einem 3-D-Kino von allen Seiten berieseln lassen. Das ist sowieso die spannendste Variante, weil man so am besten merkt, welches Lokal in den schnellsten TV-Anschluss investiert hat: fällt ein Goal, dann geht das Geschrei erst links los, zwei Sekunden später rechts, und noch ein bisschen länger dauert es, bis auch vor und hinter einem die Bierdosen fliegen. Geil.
 
An den Spielen mag ich am meisten den Beginn mit den Nationalhymnen. Ich weiss nicht, aber mir steigen dann immer die Tränen in die Augen, egal, bei welchem Land. Ehrlich, jetzt. Es hat so etwas Erhabenes, Gewaltiges, Todernstes: da stehen diese Männer mit ihren Uniformen auf dem Feld, vor sich je ein herziges Kind, schlingen sich gegenseitig die Arme um die Schultern, blicken ins Leere und singen falscher als falsch mit (oder im Fall der Schweizer, machen eins auf Bauchredner). Die Hoffnung einer ganzen Nation lastet auf ihnen. Unsere Zukunft liegt in ihre Händen. Alles ist noch offen, alles möglich, niemand weiss, was in den nächsten 90 Minuten passieren wird (ausser die FIFA). Das ist soooo schön, SCHNÜFF!!!
Dann, beim eigentlichen Fussball, kann ich wirklich nicht mitreden. Ob die jetzt "schön", "dynamisch" oder "elegant" spielen, keine Ahnung. Eine Schwalbe ist für mich ein Vogel. Das mit dem Abseits hat man mir sicher schon 32049mal erklärt, ich kann es mir aber einfach nie merken. Beim kollektiven Buhen und Aufstöhnen nach einem angeblich falschen Pfiff des Schiedsrichters oder einem offenbar übersehenen Foul mache ich trotzdem mit. Da kann ich mich nicht mal dagegen wehren, das kommt einfach, ganz automatisch.  Das ist ein bisschen so, wie an einem Konzert, wenn plötzlich alle im Takt mitklatschen, da bleibt man ja auch nicht als einzige mit verschränkten Armen stehen.  
Anders ist es bei einem Goal: Da kommt mein Freudenschrei wirklich ganz ohne Gruppenzwang tief und rein direkt aus meinem Herzen. Ich weiss nicht, aber darum geht es doch bei einem Fussball-Spiel, nicht wahr? Ums Goal schiessen. Nur darauf warten doch alle die ganze Zeit gespannt, und diese Spannung lässt den ganzen Körper verkrampfen, und wenn dann das Runde endlich ins Eckige knallt, dann  löst sich das eben alles und muss raus, mit einem lauten, erleichterten "JAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!". Also, jedenfalls dann, wenn die "richtige" Mannschaft ein Goal macht. Nämlich die, auf die ich im WM-Toto gesetzt habe. Jup, da spiel ich dann eben doch mit, auch als totale Fussball-Banausin. Schliesslich hätte ich an ein bisschen Sackgeld nichts auszusetzen. Und ich habe mir versichern lassen, man müsse gar keine Fussball-Expertin sein, um Toto spielen zu können, schliesslich sei das eh nur reine Glückssache. Stimmt auch wieder. Ich wette, bei Spanien-Holland hatte niemand auf der ganzen Welt 1:5 getippt...
 
 
 
Überhaupt überlasse ich das Expertentum in den Public Viewings sowieso lieber anderen. Schliesslich gibt es dort ja schon genug doktorierte Fussballisten, da kann ich nicht mithalten. Ich bin ja schon immer ganz neidisch, wenn die die Spielstrategie der Mannschaften so genau einschätzen können und vor ihrem geistigen Auge die Linien auf dem Spielfeld richtig ziehen. Da bin ich immer unheimlich dankbar, höre ich nicht nur einen Fernsehkommentator aus dem Off, sondern hab auch noch einen aus Fleisch und Blut direkt neben mir, der mir ungefragt seine Spielanalyse ins Ohr brüllt und mir vor lauter Gestikulieren auch noch gleich sein Quöllfrisch in den Ausschnitt schüttet.
Ich persönlich achte bei einem Fussballspiel  - nein, nicht auf die Waden - sondern auf die Mimik der Spieler. Die kriegt man heutzutage ja auch super mit, dank bombastischer Nahaufnahmen und HDTV. Ich mache mir jeweils einen riesigen Spass daraus, die Lippen der Spieler zu lesen und ihnen die passenden Worte dazu in den Mund zu legen:
"Hey, you touched the ball with your hand!"
"Shut up, you asshole, or I will touch YOUR balls with both of my hands!!"
"Hey, referee, this guy called me an asshole! Show him the red card, NOW!!"
Ich liebe es!
 
Und dann warte ich auch immer sehnlichst auf etwas Situations-Komik abseits des Spielfelds, und ich werde nur selten enttäuscht. Da ist zum Beispiel Hanspeter Latour, der vor lauter Schreien schon ganz rot ist im Gesicht. Er hat leider immer noch nicht verstanden, dass es nur für IHN laut ist im Stadion, nicht aber für die Fernsehzuschauer zu Hause (bitte, gebt ihm während der Interviews doch endlich mal Kopfhörer!). Oder die manchmal leider viel zu tiefen Einblicke in das Gehirn einiger Kicker-Stars: "Wie gefällt es Ihnen hier in Brasilien?" - "Oh, sehr gut, aber es ist auch ein bisschen schwierig, kaum einer von uns spricht Spanisch." Aha.
Ja, da stehen wir also alle jeden Abend um diese Freiluft-Fernseher und kucken die Spiele und trinken Bier und Apfelwein und haben uns alle lieb, Fussball-Fan oder nicht. Dabei hatten wir doch vor der WM noch lautstark gegen diese böse FIFA protestiert, die den armen Leuten in Brasilien schliesslich ihre baufälligen Hütten weggenommen hat, um neue Stadien in die Landschaft zu knallen. Den grausamen Despoten Blatter wollten wir absetzen, der doch eine korrupte Sau ist und nur mit "Monsieur le président" angesprochen werden will.
Aber kaum die T-Shirts der Lieblings-Mannschaft übergestülpt und ein bisschen Alkohol im Blut und das erste Goal gefeiert, schon ist dieser Groll vergessen. Und das einzige Problem für uns ist jetzt nur noch: möge der Beste gewinnen!
Also, nicht der, den die FIFA als Weltmeister will, sondern der, den ICH im WM-Toto als Sieger getippt habe.

Sonntag, 8. Juni 2014

3 Fuck you, Sommer!

Jetzt kommt sie wieder raus, die Sonne. Die Temperaturen steigen über die magische 30-Grad-Grenze. Das ist jeweils der Startschuss für die Medien, halb Amok zu laufen: "Hitzetage!! Tropennächte!! Oh Gott, wie überstehen wir das bloss?! Wir zeigen euch die hippsten Badis, die geheimsten Schattenplätze!!" Man könnte meinen, Sommer sei nur so alle vier Jahre, wie die Fussball-WM. 
Also, kaum zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen und kaum kann man den Mantel endgültig im Schrank verstauen, kriechen sie in Zürich aus allen Löchern, die Hotpants und Trägershirts, die Ray Bans, Panamahüte und Havaianas. Alles legt sich in Pärke, an Flüsse und den See. Die Strassencafés platzen aus allen Nähten, an jeder Ecke werden eigekühltes Bier und Hugo geschlürft, die Gasgrills laufen heiss auf jedem Balkon.
Ich weiss nicht, woher dieser Drang kommt, sofort aus dem Haus flüchten zu müssen, sobald es draussen warm ist und die Sonne scheint. In der Hitze zu Hause bleiben = Todsünde. Sich nicht allen anderen in seinen neuen Sommerklamotten zeigen und sich demonstrativ am schönen Wetter ergötzen = kriminell. Hmmm, dieses ungeschriebene Gesetz muss irgendwie ein mitteleuropäisches Ding sein, denn in Spanien, Brasilien oder Indonesien hat mir noch nie jemand gesagt: "Hui, heute ist das Wetter aber toll, da müssen wir ganz dringend raus, sonst passiert etwas ganz Schlimmes!" Im Gegenteil, man bleibt lieber nahe einer Klimaanlage. Ok, klar, dieser Vergleich hinkt etwas, wir sind in der Schweiz ja jetzt auch nicht gerade soooo verwöhnt mit Schönwettertagen wie etwa in Brasilien. Trotzdem gibt es auch hier ganz sicher nicht nur einen einzigen pro Jahr. 
So benehmen wir uns aber.
Oh Gott, die Sonne scheint und es ist heiss, jetzt bloss nicht in der Wohnung bleiben, bloss nicht!! Alles muss raus, ins Freie, weil sonst... sonst... ja, WAS denn eigentlich??
Nichts, seien wir doch ehrlich! Wenn ich drinnen bleibe, wenn es draussen Sommer ist, geht die Welt nicht unter, ich habe nicht sieben Jahre Pech, der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf. Es passiert einfach genau NICHTS!

Glaubt ihr nicht?
Gut, ich mache die Probe aufs Exempel und bleibe bei 30 Grad im Schatten zu Hause. Noch viel schlimmer: im Bett! Ja, kommt das jetzt drauf an, ob ich auf einer Wiese auf meinem Strandtuch penne oder in meiner Wohnung auf meiner Matratze? Also! 
Alle Whatsapps mit "Was machst du heute?" und "Badi?" schlage ich aus. Ich trinke nicht Hugo, sondern Hahnenwasser. Ich schlecke kein Glacé, weil ich keins im Tiefkühler habe. Ich trage nicht meinen neuen Bikini, sondern einfach nur Baumwoll-Unterwäsche. 
Was ich draussen so "verpasse", kriege ich in den Medien mit, in den digitalen und sozialen. Ich lese mich durch die Temperaturen in sämtlichen Schweizer Städten. Ich scrolle mich durch Fotos von fröhlichen Menschen an Gewässern, auf Bergen und Dachterrassen. Durch Selfies mit Sonnenbrille und Ben&Jerry's. Fuck you, Sommer, mir doch egal!
Aber das schlechte Gewissen kommt natürlich prompt. Um Gottes Willen, draussen ist Sommer und ich gehe nicht raus!!! Das Leben zieht an mir vorbei!! Ich habe mir grade sämtliche Karrierechancen verbaut!! Mir eine unheilbare Krankheit eingebrockt!! Die Liebe meines Lebens verpasst!! Durch meinen Egoismus alle meine Freunde verloren!! Scheisse, ich bin nicht... NORMAL!!

Aber ich bleibe hart, also, im Bett.

Versteht mich nicht falsch: ich bin ein Sommerkind und eine Züri-Tussi, ich liebe Sonne, ich liebe Wasser, ich liebe heiss, ich liebe kurze Kleider und Hugo.
Aber ich bin eben auch launisch, und manchmal habe ich einfach keine Lust auf nichts. Auch wenn mir die Medien und meine Mitmenschen etwas anderes weismachen wollen.
Schreibt doch mal: "Heute schifft es Bindfäden, wir zeigen euch die trendigsten Plätze, um in den Pfützen zu planschen!" Postet doch mal Selfies von euch im unsexy dicken Skianzug, wie ihr im Schneesturm mühsam durch eine Eiswüste stapft. Nicht so geil, oder? Hedonismus und Selbstinszenierung kommen im Regen und eingemummelt wie eine Mumie eben nicht so gut zur Geltung wie halbnackt in der Sonne am Oberen Letten.

Und übrigens: mein Leben ist nach diesem Sommertag im Bett immer noch dasselbe. Und das derjenigen, die sich draussen mit den anderen tummelten, auch.